PragBus fährt an Chemnitz vorbei

· Verkehr & Mobilität, Kultur & Kulturhauptstadt, Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft · 5 Min. Lesezeit · Artikel 5 von 492

#Chemnitz #Kulturhauptstadt #Verkehr #Tourismus

Prag und der Prager Flughafen bekommen Anschluss an die Kulturwelt! So zumindest die große Idee hinter dem "PragBus". Seit April rollt der Bus jeden Tag von Chemnitz über Marienberg nach Prag, gefördert vom Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) und finanziert mit geschätzten 450.000 Euro öffentlichen Mitteln, um europäische Kulturtouristen abzuholen.

Doch die nackten Zahlen sind ernüchternd: nur 1.286 Fahrgäste in drei Monaten, eine Auslastung von mageren 17 Prozent, die meisten Deutsche, die nach Prag wollen. Laut Tag24 startete der Bus sogar schon ohne einen einzigen Gast [1].

Während Prag Millionen Gäste anzieht, ist Chemnitz in Tschechien maximal ein Geheimtipp, wenn überhaupt. Die Chemnitzer sitzen also lieber zum Frühstück im Café Slavia in Prag, während Chemnitz selbst auf Gäste wartet und sich an Minibewegungen der Tourismus-Statistik erfreut. Der PragBus sollte Kulturtouristen nach Chemnitz bringen, ein großer Kulturbrückenschlag. Doch der Fahrplan zeigt ein ganz anderes Bild: Morgens und mittags geht es ab Chemnitz nach Prag. Nachmittags und abends zurück. Also perfekt für einen Tagesausflug NACH Prag. Deshalb bekam der Bus auch den deutschen Namen PragBus und nicht PrahaBus oder ChemnitzBus. Große Werbung in Prag: Fehlanzeige.

Wer nach Prag will, nimmt meistens FlixBus, der bereits seit Jahren eine Direktverbindung anbietet. Der Flixbus fährt häufiger, hält direkt in der Prager Innenstadt, ohne Umweg über den Flughafen und kostet bei rechtzeitiger Buchung nur 16 € und nicht 25 €. Die Fahrtzeit ist nur ca. 10 Minuten länger als der PragBus, weil er voll besetzt ist. Ergänzung (aus Kommentaren): Außerdem müssen Schwerbehinderte beim PragBus den vollen Betrag für Begleiter zahlen, bei Flixbus fährt der kostenlos mit. Weiterhin wird beim PragBus die Toilette verschlossen gehalten und man muss den Schlüssel beim Fahrer erbetteln.

Der PragBus tritt damit in direkte Konkurrenz zu einem wirtschaftlich operierenden Anbieter und verliert, weil er trotz Subvention teurer und von den Fahrtzeiten weniger flexibel ist. Warum also ein hochsubventioniertes Angebot aufbauen, das letztlich niemand braucht? Das ist fast so verrückt, wie ein Kulturhauptstadt-Kulturprogramm parallel zu Kulturakteuren zu bauen.

Man hätte also auch einfach die Richtung umdrehen können, um Tagesgäste aus Prag nach Chemnitz zu holen, die keine Zwangsübernachtung einlegen müssen. Für dasselbe Geld hätte man auch 30.000 Pragern eine kostenlose Flixbus-Fahrt nach Chemnitz spendieren können. Diese 30.000 zusätzlichen Gäste hätten Chemnitz belebt, Restaurants gefüllt, vom gesparten Geld Hotels gebucht und möglicherweise tatsächlich das Kulturhauptstadtjahr erlebt. Stattdessen schickt Chemnitz lieber seine Bewohner nach Prag.

Dabei würde es eine echte, glaubwürdige Alternative geben: Eine Direktverbindung nach Nova Gorica, die slowenische Kulturhauptstadt 2025 (zusammen mit Gorizia in Italien ca. 60.000 Einwohner). Nova Gorica tickt kulturell ähnlich: provinziell und experimentell. Beide Städte könnten auf Augenhöhe kooperieren. Bei 850 km kommt man auf Busbetriebskosten von 3.125 € pro Richtung (inkl. Fahrerübernachtung). Mit einer 80 % Auslastung (35 Gäste pro Fahrt) liegt man mit EU-Förderung 30 € einfach, 60 € für Hin- und Rückfahrt. Könnte man morgen starten und die bestehenden Prag-Buchungen auf Flixbus umbuchen.

Nach preiswerter wäre der VMS, wenn er den Bus in Slowenien bucht, da kostet er aufgrund der günstigeren Löhne und Wartung nur die Hälfte und man kann die Fahrten kostenlos anbieten. Mit täglicher Fahrtroute (jeweils ein Tag hin und ein Tag zurück) über 7 Monate: 210 Fahrten x 35 besetzte Sitze = 7.350 Besucher. Der PragBus schafft bis zu seiner Abschaffung nicht mal die Hälfte.

Nova Gorica hätte mit weniger Größenwahn, aber mehr Pragmatismus, mehr als doppelt so viele Gäste mobilisiert und vor allem: auch Gäste nach Chemnitz, nicht nur weg von Chemnitz. Stattdessen wollte man lieber groß. Ein gut gemeinter, aber schlecht gemachter Verwaltungsbus zeigt, wie unkreative Symbolpolitik scheitern kann. Verantwortlich für diesen Schildbürgerstreich: der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) mit dem Chemnitzer Stadtoberhaupt als Vorsitzenden des Zweckverbands. Der gleiche Verband, der auch die berüchtigte Zugstrecke Leipzig–Chemnitz (RE 6) mit bis zu acht Zugausfällen täglich verantwortet.

Für das Video wurden keine echten Busse oder Menschen verwendet.

[1] https://www.tag24.de/chemnitz/lokales/viele-leere-sitze-ist-der-pragbus-ein-flop-3400095 Sebastian Gogol

Ursprünglich auf Facebook am 04.07.2025 veröffentlicht.