Sachsen verschläft die böhmische Atomstrategie
Sachsen bekommt ein Atomkraftwerk und verliert seinen Energiemarkt – Eine sächsisch-böhmische Tragikomödie in sechs Akten und einem teuren Epilog
Prolog: Wer verkauft, der gibt auf
2016 verkauft der schwedische Staatskonzern Vattenfall seine ostdeutsche Braunkohlesparte. Kraftwerke, Tagebaue, Netze, alles geht an die tschechische Holding EPH. Vattenfall legt noch 1,7 Milliarden Euro Barmittel obendrauf, offiziell für Rekultivierung, real für einen schnellen Deal. In Sachsen klopft man sich auf die Schultern: Hauptsache, der Kohlebetrieb geht weiter. Wer ihn führt? Egal. Was niemand bedenkt: Man hat nicht nur Kraftwerke verkauft, sondern den Einfluss auf die eigene Energiezukunft.
- Akt: Das Jahrzehnt der Selbsttäuschung (2016–2022)
Während der Rest der Welt Windräder baut, Solarparks ausrollt und Speicherstrategien diskutiert, klammert sich Sachsen an seine Tagebaue und an das Gefühl, dass Veränderung böse ist. Die CDU spricht von Versorgungssicherheit und russischen Erdgas, die AfD zusätzlich von Atomkraft, Bürgerinitiativen von "Verspargelung". Der Strukturwandel wird beklagt, aber nicht gestaltet. Die Kohle läuft weiter, unter tschechischer Führung. Und niemand fragt, was danach kommt.
- Akt: Prag denkt langfristig und handelt (2023–2024)
Die tschechische Regierung beschließt: Nach der Kohle kommt das Atom, und zwar klein, modular, grundlastfähig. ČEZ kündigt neue SMR-Projekte an. Besonders in Tušimice, wo die Braunkohle 2030 endet. Die Planung beginnt 2023. Öffentlich. Zielstrebig. Planvoll. In tschechischer Sprache. Sachsen? Schweigt. Weil niemand tschechische Zeitungen liest.
- Akt: Die Einreichung – und das große Erwachen (Mai 2025)
Am 7. Mai 2025 erreicht das deutsche Umweltministerium die auf Deutsch übersetzte Nachricht: In Tušimice, 58 Kilometer von Chemnitz entfernt, soll ein neues Atomkraftwerk entstehen. Die "Freie Presse" berichtet am 26. Mai, spät, aber überrascht. Bürger und ihre Meister reagieren schockiert, empört, verständnislos.
OB Rolf Schmidt (Annaberg-Buchholz): "Das steht sämtlicher Energiepolitik in Deutschland entgegen." Bürgermeister Zinn (Jöhstadt, CDU): "Atomkraft gehört zum Mix, kein Problem für mich." Die Grünen: "Ein Projekt mit erheblichen Risiken." ČEZ: "Wir liefern, was Sachsen nicht bauen will."
- Akt: Die stille Expansion (2026–2038)
Tušimice II wird geschlossen. SMR Block I beginnt 2032. 2038 ist er fast fertig, 2040 geht er mit etwas Verspätung ans Netz, rechtzeitig, bevor in Sachsen die Netzstabilität zu kippen droht. Der Strom fließt zuverlässig nach Deutschland. Wertschöpfung, Netzrendite, politische Kontrolle: alles auf tschechischer Seite.
Die 1,7 Milliarden Euro von 2016, die Vattenfall EPH einst für Rekultivierung mitgab, bleibt im Unternehmen. Es wird bilanziell als Rückstellung geführt, nicht treuhänderisch geparkt. In der Praxis bedeutet das: Es darf arbeiten. Investiert werden. Und wer sagt, dass es nicht für Betonfundamente in Tušimice oder Beteiligungen an Reaktorprojekten verwendet wird? Sachsen wollte Tagebaue verfüllen, nun finanziert es Reaktorbauten im Nachbarland. Die Bundesregierung bestätigte in der Bundestagsdrucksache 19/19007, dass keine Zweckbindung der Mittel vorliegt, sondern Rückstellungen bilanziell geführt werden. Es gebe "keine rechtliche Verpflichtung zur Einzahlung in einen Fonds".
Ein tschechischer Analyst: "So ein Geschäft nennt man strategisch. Andere nennen's: gutgläubig."
- Akt: Sachsen 2040 wird Kundenzone mit Grundlast
Sachsen 2040 ist ein Musterbeispiel. Für gesicherte Versorgung durch ausländische Anbieter. Der Winter-Strompreis an der Börse liegt bei 105 ct/kWh. Die Versorgungssicherheit bei 100 %. Die regionale Wertschöpfung bei 0 %. Arbeitsplätze in der Energiewirtschaft? Abgebaut. Netze? Verkauft. Speicher? Stückwerk. Windräder? Nicht in meinem Vorgarten. Und jährlich wandern über 1 Milliarde Euro über die Grenze, während Kommunen Fördermittel für LED-Lampen beantragen. Firmen siedeln sich dort an, wo Energie günstig ist und die Sachsen fahren nach Tschechien zum Arbeiten statt zum Kippen holen oder zum Tanken.
Kommentar eines Abgeordneten: "Hauptsache, es steht kein Windrad vor der Kita."
- Akt: Was möglich gewesen wäre
Sachsen hätte 2025 entschieden: • 120 Windkraftanlagen jährlich zu errichten. • Auf jedem öffentlichen Dach PV. • Wärmepumpen massiv zu fördern. • Großspeicher zu bauen und Energiegenossenschaften zu unterstützen.
Die Rechnung: • Erzeugungskosten: 4–9 ct/kWh (Erneuerbare). • Speicherkosten gegen Dunkelflaute: 10–15 ct/kWh. • Kommunale Einnahmen: +500 Mio. €/Jahr. • Autonomie, Resilienz, Wertschöpfung: regional.
Bürgermeisterin einer Energie-Kommune 2040: "Heute kommt der Strom von unserem eigenen Windpark und finanziert die Bibliothek."
Epilog: Der Preis der Passivität
Sachsen hat seine Kohle verkauft, sein Rückbaugeld mitgegeben, keine Alternative aufgebaut und wird nun von der tschechischen Energiepolitik versorgt. Das ist nicht illegal. Es ist einfach nur logisch. Wer seine Energiepolitik outsourct, darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann nur noch Kunde ist. Und der Kunde zahlt.
Ursprünglich auf Facebook am 28.05.2025 veröffentlicht.