Europäischer Kulturpreis ohne europäische Öffentlichkeit

· Kultur & Kulturhauptstadt · 4 Min. Lesezeit · Artikel 9 von 492

#Chemnitz #Kulturhauptstadt #Kultur #Marketing

Reinhold Messner, Alphaville, Purple Disco Machine, Katarina Witt - ein Abend voller kultureller Erinnerungen in der Oper Chemnitz. Der "Europäische Kulturpreis" wurde verliehen, es gab stehende Ovationen, ein Galamenü, viele Kameras.

Und doch: Kaum größere Berichte in überregionalen Medien, keine Schlagzeile im Feuilleton, kein Tweet vom Auswärtigen Amt. Wie kann das sein, bei so viel "europäischer Kultur"? Und wieso hat der Preis weniger als 1000 Follower auf dem 6 Jahre alten Instagram-Profil?

Der "Europäische Kulturpreis" wird vergeben von einem privaten Verein aus Dresden. Im Vorstand ein Juwelier, ein Moderator, ein Kaufmann und ein Steinmetz, wobei letzterer die Preisskulptur sogar selbst herstellt. Der Preis tourte zuletzt durch die Städte Wien (Staatsoper, 2019), Bonn (Opernhaus, 2021), Zürich (Tonhalle, 2022), Luxembourg (Philharmonie, 2024), Chemnitz (Opernhaus, 2025). Generell wurden die städtischen Orchester der jeweiligen Veranstaltungsorte ausgezeichnet: die Wiener Staatsoper, das Beethoven Orchester Bonn, Tonhalle-Orchester Zürich, Luxembourg Philharmonic und nun die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz zusammen mit vertrauten Gesichtern der (örtlichen) B-Prominenz.

Das schlaue Geschäftsmodell schafft Bindung an Stadtpolitik, Wirtschaft und Medien, nicht etwa über Inhalt, sondern über Ehre und Anerkennung. Die Stadt stellt ihre Bühne zur Verfügung für einen Preis, der sich "europäisch" nennt, aber keine richtige Jury hat, keine Debatte auslöst, keine Öffentlichkeit erreicht. Wem nützt es eigentlich, wenn sich eine Stadt im Kulturhauptstadtjahr mit einem kulturell irrelevanten Preis schmückt, nur weil dieser den Namen "Europäischer Kulturpreis" trägt, den aber niemand kennt, niemand braucht und niemand ernst nimmt – außer denen, die daran verdienen?

Es nützt vor allem dem Preisverleiher selbst, denn der hat neben ein paar hunderttausend Euro Eintritts- und Sponsoringeinnahmen jetzt endlich die vermeintlich europäische Ebene erreicht und wenigstens ein paar kleinere Erwähnungen in überregionalen Medien. Es fragt sich nur, ob Chemnitz damit den Anspruch einer europäischen Kulturhauptstadt und des eigenen Bewerbungsbuchs erfüllt.

Während im Opernhaus die Scheinwerfer leuchteten, wurde ein paar Straßen weiter das vor sich hingammelnde Schauspielhaus von Kulturschaffenden besetzt. Ein Aktionsbündnis forderte: Rücknahme der Kürzungen, Räume für freie Kultur, soziale Teilhabe, Mitbestimmung, also genau das, was im BidBook von Chemnitz2025 als zentrale Ziele formuliert ist: Demokratie, Selbstwirksamkeit, neue Allianzen, urbane Öffnung.

Das Bewerbungsbuch von Chemnitz spricht von einer "stillen Mitte Europas", die sich öffnen will, die europäisch denkt, die Beteiligung ermöglicht. Die Realität am 9. Mai zeigt erneut: Glanz und Gala auf der Bühne und Menschen, die für Beteiligung kämpfen müssen. Vielleicht gibt es auch einen nicht kommunizierten Plan, die Kulturschaffenden solange zu malträtieren, bis diese Allianzen und Selbstwirksamkeit entwickeln und die Gala gehört einfach dazu.

Bild vom Chemnitzer Opernball 2019, immer wieder Zeichen setzen

Ursprünglich auf Facebook am 10.05.2025 veröffentlicht.