Risikogebiet Chemnitz, aber wessen Zahlen zählen

· Verwaltung & Stadtrat · 4 Min. Lesezeit · Artikel 149 von 493

#Chemnitz#Verwaltung#Corona#Transparenz

Menschen werden auf dem Parkplatz in verschiedenfarbige Bereiche eingeteilt,
Menschen werden auf dem Parkplatz in verschiedenfarbige Bereiche eingeteilt,

Am Montag hat die Stadtverwaltung Chemnitz die komplette Stadt per Allgemeinverfügung zum Risikogebiet mit weitreichenden Grundrechtseinschränkungen erklärt. Durchschnittlich gibt es mehr als 50 positive Testergebnisse auf 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen. Neben Einschränkungen in stark gebeutelten Branchen wie der Gastronomie und Kultur wurde bei der Gelegenheit auch gleich noch der Weihnachtsmarkt und die Museumsnacht abgesagt.

Nun vermeldet das täglich aktualisierte Dashboard des Robert-Koch-Instituts aber nur 28,4 positive Testergebnisse und Chemnitz wurde dort nicht als Risikogebiet eingestuft. Woher kommt der Widerspruch, der so weitreichende Konsequenzen für die Wirtschaft und das öffentliche Leben hat? Von verzögerter Datenübertragung und manuellen Datenkorrekturen ist die Rede, da das RKI wohl andere Maßstäbe ansetzt als das städtische Gesundheitsamt.

Zur Bearbeitung der Fälle hat die Stadtverwaltung offensichtlich das letzte halbe Jahr nicht genutzt, um im Gesundheitsamt das notwendige Personal aufzustocken. Teilweise sind bis zu hundert Anrufe erforderlich, um dort überhaupt jemanden ans Telefon zu bekommen. Andere Kontaktwege sind nicht vorgesehen. Es ist unklar wie so eine professionelle Kontaktverfolgung möglich gemacht werden soll. Das erinnert an den Beginn der Pandemie, als wegen Mangel an Masken und Hygieneausstattung ein ganzes Land in den Lockdown musste. Personelle Konsequenzen gab es damals wie heute keine und die selben Verantwortlichen sind auf allen Ebenen immer noch am Start.

Im von der Kassenärztlichen Vereinigung im Zusammenarbeit mit der Stadt betriebenen zentralen Testzentrum in der Messe sieht die Lage nicht besser aus. Vorgestern wurden gegen 19 Uhr alle wartenden Personen nach Hause geschickt, weil der Drucker wieder einmal streikte. Gestern fiel für zwei Stunden "das Internet" aus. Wartezeiten von über fünf Stunden auf dem Parkplatz und im überfüllten Treppenhaus ohne ausreichende Hygienemaßnahmen sind an der Tagesordnung, während die Verantwortlichen, die nicht mal Internet und Drucker zum Laufen bringen, der Bevölkerung per Allgemeinverfügung das öffentliche Leben verbieten.

Während der eigentliche Abstrich in einer Minute erledigt ist, dauert die papierbasierte Erfassung ewig und streikende Technik sorgt für Probleme. Entnervte Mitarbeiter sollen dann wiederum freiwillig Überstunden schieben, um den Rückstand aufzuholen. Dabei ist die Lage bei weitem noch nicht so dramatisch wie in anderen Landkreisen und es steht Schlimmes zu befürchten, sollten die Fallzahlen massiv ansteigen. Dabei sind die technischen und hygienischen Probleme aus der vorherigen "Corona-Ambulanz" in der Messe bestens bekannt und hätten in den letzten Monaten abgestellt werden können. Man wollte dort 140 Patienten parallel behandeln und schafft sechs Monate später gerade einmal 10 Abstriche pro Stunde. Vorerfassung über Webformular, die Vergabe von verbindlichen Terminen und Abstriche durchs Autofenster scheinen für die Verantwortlichen nicht möglich zu sein oder bringen zu wenig Geld.

Es wird dringend Zeit, dass die politisch gewählten Vertreter der Verwaltung auf die Finger schauen und nicht weiterhin behaupten, es wäre alles in Ordnung. Die Informationen sind übrigens aus erster Hand von einem Mitarbeiter von mir, der wie viele andere seit Tagen versuchte, einen Test zu bekommen.

Ursprünglich auf Facebook am 22.10.2020 veröffentlicht.