Maschinenhalle an der Gießerstraße wird gerettet

Gerade wieder ein Chemnitzer Industriedenkmal gerettet! Die über 70 Meter lange hölzerne Maschinenbauhalle von "Kertzscher & Benndorf" von 1865 an der Gießerstraße vis-à-vis vom Hauptbahnhof bekommt bis Ende August ein stabiles Tragwerk und ein neues Dach. Im Inneren noch weitestgehend original erhalten. Wer alte Fotos oder Informationen hat, die bei der weiteren Restaurierung helfen, immer her damit.
Folgendes habe ich zum Gebäude recherchiert:
Im Jahr 1852 eröffnet die Eisenbahnlinie Riesa–Chemnitz mit dem Bahnhof nahe der Dresdner Straße als erste Chemnitzer Bahnstation. Im gleichen Jahr errichten der Maschinenbauer Huster und der Kaufmann Höhne die Eisengießerei "Huster & Höhne" an der Dresdner Str. 11. Man beginnt mit 12 Arbeitern. Die Eisengießerei wird von den Gebrüdern Lechla übernommen, deren Wohnvilla an der Annaberger Straße später die Chemnitzer Kunsthütte beherbergt (als ein erstes Chemnitzer Kulturzentrum und Vorgänger des König-Albert-Museums am damaligen Königsplatz, heute Theaterplatz). Die Gießerei wird später vom Unternehmen "Kertzscher & Benndorf" fortgeführt. Gemeinsam mit dem Maschinenbauer Benndorf erweitert Eduard Kertzscher die gegründete Eisengießerei, die er von den Gebrüdern Lechla übernommen hatte. Im Jahr 1865 wird die Maschinenhalle errichtet. Diese gilt zur Zeit ihrer Entstehung als modernste Galeriehalle im Raum Chemnitz und dient speziell für den Bau großer Maschinen. Die Straßenfassade lehnt sich in ihrer Gestaltung mit Blendgiebel und bekrönendem Dachreiter in Form eines offenen Glockenstuhles dem Kirchenbau an. Im Inneren findet sich eine basilikale Raumorganisation. Hauptsächlich Dampf- und Werkzeugmaschinen werden hier produziert. 1872 wird das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und als "Vulkan AG, Zweigwerk August Fröbel" weitergeführt. Um das Jahr 1907 geht die Aktiengesellschaft in Insolvenz. Im April 1932 erfolgte die Gründung der OHG "W. Dachsel & Th. Mühlmann" durch den Kaufmann Willy Dachsel und den Ingenieur Theodor Mühlmann zum Zweck der Fabrikation von Webereimaschinen, insbesondere als Spezialfabrik für Jacquardmaschinen aller Systeme. Willy Dachsel schied zum 1. Mai 1960 durch Tod aus der OHG aus. Die Firma wurde mit Wirkung vom 15. März 1961 als Kommanditgesellschaft fortgeführt. Zum 1. Januar 1967 trat der VEB Webstuhlbau Karl-Marx-Stadt als staatlicher Gesellschafter dem Unternehmen bei. Zum 1. Februar 1970 ging dieser in den VEB Wirkmaschinenbau Karl-Marx-Stadt ein.
Die Gebäude ist weitestgehend im Original nebst drei Torpfeilern der Toreinfahrt und Schornstein erhalten und in der sächsischen Denkmalliste als Industriedenkmal geführt.
Ebenfalls erhalten ist die Villa Kertzscher mit der heutigen Adresse Gießerstraße 2 (früher die Dresdner Straße 56). Gebaut wurde sie 1863 im klassizistischen Stil von Die Villa wurde dabei vorrangig als Kontor genutzt, die oberen Räume später auch vermietet. Die Villa beherbergt seit 1994 eine Niederlassung des vom Mutter Teresa ins Leben gerufenen Ordens der "Missionarinnen der Nächstenliebe" (seit 1983 mit einer Ausnahmegenehmigung der DDR-Regierung in Karl-Marx-Stadt).
Ursprünglich auf Facebook am 24.06.2020 veröffentlicht.