Kaufhof-Schließung als Hebel für niedrigere Mieten

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft · 5 Min. Lesezeit · Artikel 192 von 493

#Chemnitz#Innenstadt#Mieten#Wirtschaft

In Sachen der angedrohten Galeria-Kaufhof-Schließung in Chemnitz lohnt ein Blick in andere Großstädte. In Bremen steht zum Beispiel ein ähnlich großes Kaufhaus, was dem selben Immobilien-Eigentümer gehört, auch an Karstadt Kaufhof vermietet und was mangels Rentabilität ebenfalls geschlossen werden soll. Das Manöver mit der Ankündigung massenhafter Schließungen trotz (nach Gewerkschaftsangaben) schwarzer Zahlen dient der Durchsetzung geringerer Mietpreise und der Rendite-Erhöhung für Karstadt Kaufhof. Die Corona-Krise entpuppt sich dabei für den Eigentümer von Karstadt Kaufhof, die Signa Holding, als Geschenk, sowohl bei Mieten[1] als auch bei Personal[2] die Daumenschrauben anzusetzen. Paar Monate geringere Umsätze sind da leicht zu verkraften, wenn die Rendite dann dauerhaft hoch ist. Möglich wird das unter Ausnutzung des in der Insolvenzordnung vorgesehenen Schutzschirmverfahrens, welches eine kurzfristige Kündigung von langfristigen Gewerbemietverträgen erlaubt.

2011 hatte die DIC-Gruppe aus Frankfurt/Main beide Gebäude in Chemnitz und Bremen mit insgesamt 49.000 qm Verkaufsfläche für 108 Mill. Euro gekauft [3]. Die Mieteinnahmen lagen 10 Jahre lang bei jährlich 7,3 Mill. Euro mit einer Rendite von 7 Prozent. Auf Chemnitz mit seinen 20.000 qm Verkaufsfläche entfallen dabei wohl knapp die Hälfte der Mieteinnahmen, was ungefähr einem Mietpreis von 12 Euro pro qm und Monat entspricht.

Dieser Mietpreis von 12 € liegt dabei schon weit unter den Angebotspreisen von 40-80 € pro qm, die sonst offiziell direkt am Chemnitzer Marktplatz verlangt werden. Die Stadt Chemnitz zahlt übrigens für das als reinen Zweckbau errichtete Hässliche Rathaus im Contiloch bereits sehr knapp kalkulierte 9 € pro qm. In diese Richtung oder auch darunter könnten nun Mietpreis-Verhandlungen für den Premium-Platz am Markt gehen. Da staunt der kleine Einzelhändler, der ein Vielfaches bei GGG und Kellnberger in der Nebenlage zahlen soll. Auf der anderen Seite verwundert es dann nicht, wenn auf dem historischen Getreidemarkt ein weiterer hässlicher Klotz[4] entsteht und überirdische Parkhäuser mit angeschlossenem Supermarkt wohl das Rentabelste sind, was man direkt in der Chemnitzer Innenstadt bauen kann. Der Stadtentwicklung nützen solche Angebote nichts, außer man will noch mehr Autoverkehr und noch weniger Aufenthaltsqualität.

Die Oberbürgermeisterin und die Gewerkschaft haben nun zusammen mit Partei- und Staatsführung ungefragt angekündigt, um den Erhalt der Konzern-Rentabilität zu "kämpfen" und meinen damit, noch ein paar Zugeständnisse seitens des Personals in den Ring zu werfen. Von angekündigten 300 Stellen aus 2001 sind 2020 nur noch 120 übrig geblieben, was sich schon bemerkbar macht. Da geht sicher noch was. Eine weitere absurde Möglichkeit könnte eine städtische Mietpreis-Stütze für den armen Konzern sein, damit die Rendite stimmt und für die Stadt die Simulation florierenden Offline-Einzelhandels aufrecht erhalten werden kann. Vielleicht werden auch noch mehr städtisch finanzierte Festlichkeiten und Festivials versprochen, die Kunden in die Innenstadt locken sollen. Selbst bei einem Erhalt des Kaufhofes und der anschließenden Jubelfeier dürfte das Thema Rendite-Nachbesserung in ein paar Jahren wieder auf den Tisch kommen.

Ich bin gespannt, wann mit dem gleichen Engagement eine Beförderung kleinteiliger Strukturen, Qualität, Regionalisierung und Spezialisierung anfängt, da dies mehr Arbeit macht und eine talentiertere Wirtschaftsförderung und eine bessere Stadtplanung erfordert. Bei Neubauten sind vor allem Selbstnutzer interessant, da beim Renditekampf zwischen Bauherr, Investor und Nutzer das öffentliche Interesse und das Stadtbild regelmäßig auf der Strecke bleibt.

[1] <a href="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/karstadt-kaufhof-insolvent-coronavirus-1.4865804">https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/karstadt-kaufhof-insolvent-coronavirus-1.4865804](https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/karstadt-kaufhof-insolvent-coronavirus-1.4865804)</a>
[2] <a href="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/abfindungen-haende-leer-schnauze-voll-1.4873829">https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/abfindungen-haende-leer-schnauze-voll-1.4873829](https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/abfindungen-haende-leer-schnauze-voll-1.4873829)</a>
[3] <a href="https://www.dic-asset.de/dic-asset-ag-erwirbt-retail-immobilien-fuer-108-mio-euro/">https://www.dic-asset.de/dic-asset-ag-erwirbt-retail-immobilien-fuer-108-mio-euro/](https://www.dic-asset.de/dic-asset-ag-erwirbt-retail-immobilien-fuer-108-mio-euro/)</a>
[4] <a href="https://www.facebook.com/werner.thoss.9/videos/632236983650870/">https://www.facebook.com/werner.thoss.9/videos/632236983650870/](https://www.facebook.com/werner.thoss.9/videos/632236983650870/)</a>

Das Bild zeigt die Fundamente der kleinteiligen Chemnitzer Innenstadt. Dort kommen in Kürze entgegen den Sieger-Ergebnissen des städtebaulichen Gutachterverfahrens weitere Klötze hin.

Ursprünglich auf Facebook am 23.06.2020 veröffentlicht.

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