Chemnitz rutscht im Wirtschaftsvergleich weiter ab
Focus Money setzt Chemnitz bei den Indikatoren für die wirtschaftliche Entwicklung deutschlandweit auf Platz 363 von 374 und damit 73 Plätze nach hinten zum Vorjahr. Die Größen der Verwaltung und Lokalpolitik geben sich verwundert, denn gefühlt sei man ja gar nicht so schlecht und es gibt doch Steuereinnahmen. Die Bürgermeisterkandidaten unterstellen dem Focus deshalb "Mobbing" der Stadt Chemnitz. https://www.tag24.de/nachrichten/chemnitz-wirtschaft-ranking-vergleich-focus-money-absturz-pat-fassmann-schulze-1342155
Wieso sollte ein Wirtschaftsmagazin bei 374 Städten und Landkreisen ausgerechnet die Stadt Chemnitz "mobben"? Herangezogen hat Focus nicht etwa Kriterien wie die Quote der Selbstverleugnung, gefühlte Wahrheiten oder eine Handvoll Vorzeigeunternehmen, sondern recht genau Messbares wie die Arbeitslosenquote, das verfügbare Einkommen privater Haushalte je Einwohner, die Bruttowertschöpfung, die Veränderung der Erwerbstätigenzahl zum Vorjahr und Investitionen im verarbeitenden Gewerbe je Beschäftigten. Das Abrutschen ganz ans Ende des deutschlandweiten Rankings zeigt allenfalls, dass 73 andere Schlusslichter innerhalb eines Jahres von den Basiszahlen her an Chemnitz vorbeigezogen sind. Das sollte doch zu denken geben.
Nachdem Oberbürgermeisterin und Chef der "Wirtschaftsförderung" Mitte 2018 noch getönt haben, Chemnitz würde wieder wachsen, durfte ich mich für die Einschätzung kritisieren lassen, das Wachstum wäre nicht auf die hervorragende Verwaltungsarbeit sondern hauptsächlich auf Flüchtlinge zurückzuführen. https://www.facebook.com/story.php?story_fbid=1906638532759439&id=lars.fassmann
In 2019 ist die Einwohnerzahl in Chemnitz nun wie befürchtet gesunken und auch die angestiegenen Geburtenzahlen gehen wieder zurück, während die Sterbefälle aufgrund der demografischen Verteilung definitiv weiter ansteigen. Hunderte Millionen teure Schulneubauten entstehen gerade aufgrund (zu) optimistischer Prognosen und viele aufgrund der günstigen Zinsen sanierten oder neu gebauten Wohnungen sorgen jetzt schon für teuren Leerstand. Werden dann bald alte denkmalgeschützte Schulen wieder billigst an Investoren verscherbelt oder Denkmale abgerissen, wie 2014/15 noch geschehen, wenige Monate bevor die Statistik von Schrumpfung auf Wachstum schnellte? Jedem der aufmerksam in deutschen Innenstädten unterwegs ist, wird die visuellen Unterschiede zwischen hinten liegenden Städten wie Chemnitz und wirtschaftlich erfolgreichen erkennen. Es wird nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Die Folgen bemerkt der Innenstadthandel, die Gastronomie, der Immobilienmarkt. Nur bei wenigen bleibt Geld übrig, zumal sich in Chemnitz dank der bescheidenen öffentlichen Verkehrsanbindung noch überdurchschnittlich viele Menschen ein Auto anschaffen müssen. Niedrige Mieten sind kein Standortfaktor, sondern ein Alarmzeichen.
Der Durchschnittslohn im verarbeitenden Gewerbe liegt in Dresden mit 3.594 Euro und in Leipzig mit 3.920 Euro wesentlich höher als in Chemnitz mit 3.088 Euro. Offensichtlich fehlen gut bezahlte Hightech- und Kreativ-Jobs und die "Wirtschaftsförderung" tut sich schwer, Unternehmen anzusiedeln oder aus Startups zu entwickeln, die konkurrenzfähige Löhne zu den Nachbarstädten zahlen. High-Tech-Firmen und Kreativwirtschaft lassen sich vor allem dort nieder, wo es eine gut ausgebaute Hochschullandschaft genügend Nachwuchs garantiert und eine Kulturszene vitale Szeneviertel schafft. Für diese Minderleistung zahlen Unternehmen allerdings nahezu den gleichen Gewerbesteuersatz (Hebesatz 450%) wie in Leipzig (Hebesatz 460%) und Dresden (Hebesatz 450%), was dem Kämmerer das Gefühl sicherer Steuereinnahmen gibt, die nicht etwa investiert sondern für noch schlechtere Zeiten zurückgelegt werden. Auf der anderen Seite stehen derzeit über 19.000 Arbeitslose und Unterbeschäftigte mehr als 2.000 als offen gemeldeten Stellen gegenüber, wo es mangels passender Qualifikation wohl keine Übereinstimmung gibt. Warum investiert man nicht in die Schaffung von gut bezahlten High-Tech-Jobs und warum gibt es keine Initiativen, Menschen für die offenen Stellen zu qualifizieren?
Die Zahl der offenen Stellen ist branchenübergreifend auf einem Allzeithoch und wird eindrucksvoll auf chemnitz-zieht-an.de dokumentiert. Und das obwohl über alle Branchen hinweg in den letzten acht Jahren in Chemnitz gerade mal 500 neue Stellen dazugekommen sind, während Leipzig mit einem Plus von 36.700 und Dresden mit 26.500 zusätzlichen Stellen punkten kann. Es ziehen laufend gut qualifizierte Menschen weg und werden teilweise durch weniger gut qualifizierte ersetzt. Firmen schauen sich nach Standorten um, die genügend qualifiziertes Arbeitskräftepotential bieten. Das sind offene, urbane und kulturvolle Städte, wo Menschen gerne hinziehen und wo attraktive Gewerbeflächen vorhanden sind. Diese ominöse Urbanität entsteht nicht auf belanglosen Einkaufsmeilen mit einfallslosen Fassaden und schlecht möblierten Plätzen und Kultur entsteht nicht durch in ein Mäntelchen der Wirtschaftsförderung gekleideten städtischen Agenturen, die mit Kostenlosveranstaltungen den verbliebenen Kulturanbietern die Basis entziehen. In den beiden anderen sächsischen Großstädten gibt jeweils mehrere Hochschulen, eine breite Ausbildung und beliebte Szene- und Ausgehviertel, die täglich und nächtlich und nicht nur zu Großevents zu einem Besuch einladen. Gleichzeitig verhindert die Stadtverwaltung die kulturelle Entwicklung von Stadtquartieren, indem ab 22 Uhr Ruhe verordnet wird, obwohl es mittlerweile baurechtliche Möglichkeiten für urbane Stadtquartiere gibt oder sie räumt den Markt um 17 Uhr mit der Kehrmaschine und versteht nicht, wieso dies problematisch sein könnte. Warum nutzt man nicht neue baurechtliche Möglichkeiten und unterstützt hiesige Kulturschaffende bei der Umsetzung ihrer vielfältigen Ideen? Stattdessen fantasiert man von einem belebten Brühl oder Sonnenberg. Jeder der dort außerhalb spezieller Zeiten unterwegs ist, bemerkt das dem nicht so ist und ansässige Gewerbetreibende überleben dank viel Selbstausbeutung, Nebenjobs und eingeschränkter Öffnungszeiten.
Es wäre also an der Zeit, mit der Selbstverleugnung aufzuhören oder sich mit den Rahmendaten und Ursachen zu beschäftigen und sich nicht mehr der gefühlten Ahnungslosigkeit hinzugeben oder Menschen in Führungspositionen zu setzen, die noch nie in einem Wirtschaftsunternehmen gearbeitet haben. Daneben müssen Kämmerer und Stadtverwaltung aufhören, aus lauter Überheblichkeit Informationen zurückzuhalten, welche die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt betreffen (u.a. wurden Ratsanfragen z.B. zur Verteilung der Gewerbesteuer vom Kämmerer zurückgewiesen). Warum werden wichtige Informationen nicht ohne Aufforderung transparent zur Verfügung gestellt, auch wenn die Wahrheit vielleicht schmerzhaft ist?
Im November 2016 stellte die "Morgenstadt"-Studie fest, dass "ungefähr 10 Prozent der städtischen Flächen Industriebrachen sind, für die sich (noch) kein neues Nutzungskonzept gefunden hat." Bei 221,05 qkm sind 10% dann 2.210,5 Hektar Industriebrachen. Nur scheint die Aktivität zur Aktivierung dieser Flächen seit Jahren nicht mehr vorhanden zu sein. Der Chef der Chemnitzer "Wirtschaftsförderung" wird in der Freien Presse mit "Wir laufen Gefahr, Firmen absagen zu müssen, weil wir keine Flächen mehr haben" zitiert. Insgesamt gibt es 247,4 Hektar städtische Gewerbegebiete, die davon verbliebenen freien 46 Hektar erklärt er teilweise für schwer vermarktbar, da schlecht erschlossen. Dabei sollte klar sein, dass ein so schlechtes Angebot kaum Nachfrage generiert. Statt sich um die Aktivierung der Brachen zu kümmern, brechen Wirtschaftsförderung und die Oberbürgermeisterin einen Streit mit der Universität vom Zaun, indem man der Universität wichtige bereits erschlossene Erweiterungsflächen im Technologie-Campus wegnehmen will. Es scheint zudem wesentlich einfacher, zur Erschließung weiterer Gewerbegebiete Grünflächen in Rabenstein zu asphaltieren als strategisch Brachen zu kaufen und zu reaktivieren bzw. mit den Eigentümern rechtzeitig einen motivierenden Dialog zu führen. Warum werden Brachflächen denn nicht strategisch gekauft, aktiv erschlossen und angeboten?
Dazu kommt ein lächerlich ausgestattetes Förderprogramm zur "Kleinunternehmerförderung" mit gewaltigem bürokratischen Überbau und ein Programm zur Vergabe einer einstelligen Anzahl von Kreativflächen, an dem sich fast zwanzig Personen in der Verwaltung abarbeiten. So werden erfolgreich Stellen beim größten Arbeitgeber der Stadt, nämlich der Stadtverwaltung selber geschaffen. Warum gibt es keine Wirtschaftsförderungsprogramme und keine Aktivierung tausender leerstehender Gewerbeflächen? Warum gibt es keine Digitalisierungsstrategie und warum keine aktuelles wirtschaftspolitisches Konzept?
Die TU Chemnitz nach dem Willen der Landesregierung laut "Hochschulentwicklungsplan" bis 2025 mehr als tausend Studienplätze abwickeln, was durch in Chemnitz gewählte Landtagsangeordnete nicht verhindert, sondern sogar noch gerechtfertigt und befördert wird. Die Universität konzentriert sich zunehmend auf die Ausbildung ausländischer Studierender, die dafür etwas Geld zahlen und die nach ihrer Ausbildung zum Großteil ebenfalls in ihr Heimatland oder attraktivere Städte wechseln. Das betrifft vor allem technische Bereiche, wie eben IT und macht es Firmen noch schwerer, geeignete Fachkräfte in Chemnitz zu finden. Man hält Studentenzahlen also oben, indem man billige Studienplätze für Studenten aus dem Ausland subventioniert, damit man keine Studienplätze abbauen muss. Wo bleiben die Stimmen aus Chemnitz, die sich laut gegen diese Bestrebungen der Landesregierung richten anstatt den Niedergang zu akzeptieren und wann erfolgt an der hiesigen Universität endlich eine moderne Marketing- und Managementausbildung, damit Führungskräfte nicht mehr importiert werden müssen und die wenigen Firmenzentralen auch hier genügend qualifiziertes Management finden? Wieso läuft die Unterstützung von Startups auf Sparflamme und wird derzeit in privater Initiativen und teilweise komplett ohne städtische Unterstützung mühsam vorangebracht? Wieso zieht sich die "Wirtschaftsförderung" aus innovativen Messeformaten mit regionalen Partnern zurück und versucht auf Teufel komm raus eigenes zu etablieren? Wieso werden englischsprachige Webseiten nicht aktualisiert sondern der Bequemlichkeit halber abgeschaltet?
Selbst Flüchtlinge flüchten aus Chemnitz, was am repressiven Verhalten der städtischen Ausländerbehörde liegt, die selbst gut ausgebildeten Ärzten den Aufenthaltsstatus verweigert und die sich erst recht nicht für die Bedarfe der hiesigen Wirtschaft interessiert. Es werden dort auch viele gering qualifizierte Arbeitskräfte gesucht, die offensichtlich trotz der vielen Arbeitslosen und Unterbeschäftigten nicht mit Hilfe des Arbeitsamts gefunden werden können. Der Umgang auf der Straße tut ihr übriges. Dadurch ziehen die wenigen Fachkräfte schnell weiter, während der ein oder andere Problemfall mit jahrelangem Beschäftigungsverbot die Solidarität der Gesellschaft auf die Zerreißprobe stellt. Stattdessen werden hochgradig geförderte Vorzeigeintegrationsprojekte gefeiert, die aber nichts mit der Realität in der Breite zu tun haben. Warum ist die städtische Ausländerbehörde keine wirtschaftsnahe Integrationsbehörde, die eng mit der Wirtschaftsförderung zusammenarbeitet?
Die Region Chemnitz muss sich auf den Weg machen eine urbane Stadt zu werden, in der vorhandene Kräfte und Initiativen unterstützt und gefördert, Talente gehalten und entwickelt werden. Dann entsteht Anziehungskraft von alleine und muss nicht teuer aufgesetzt werden. Bis ans Ende der Rangliste sind es sonst nur noch 11 Plätze.
Ursprünglich auf Facebook am 06.01.2020 veröffentlicht.