Der Mythos von der reichsten Stadt bröckelt

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Kultur & Kulturhauptstadt · 3 Min. Lesezeit · Artikel 246 von 492

#Chemnitz #Marketing #Stadtentwicklung #Kulturhauptstadt

War Chemnitz "um die Jahrhundertwende" die "reichste" Stadt Deutschlands? Diese Aussage findet man in Publikationen der Stadtverwaltung, in Artikeln renommierter deutscher Zeitungen, in Reiseführern und wissenschaftlichen Publikationen. Hier und da wird noch konkretisiert, dass damit das Steueraufkommen, ggf. auch das pro Kopf gemeint sein könnte.

Gern wird dies im Stadtmarketing stolz als Alleinstellungsmerkmal vor sich hergetragen und dient der Politik als weiches Ruhekissen. Gern nutzt man es zu beklagen, was den gewesen wäre, wenn nicht Weltwirtschaftskrisen, Weltkriege oder der Sozialismus diesen ungeheuren Reichtum geschmälert hätten, die nun auch als AUFbrüche zum Thema der Kulturhauptstadtbewerbung wurden. Gern dient es auch unterschwellig als Rechtfertigung, wenn der nächste Leuchtturm geplant oder die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Wir sind größer, schlauer, reicher und mehr. Hinklotzen und nicht kleinteilig Kleckern.

Nun habe ich im "Statistischen Jahrbuch deutscher Städte" von 1901 und 1908 nach Anhaltspunkten für den "Reichtum" der Stadt gesucht und nur große Durchschnittlichkeit gefunden. Fakten scheinen heute nicht besonders angesagt zu sein und konsequentes Lügen scheint sich zu lohnen und eine Scheinrealität über die Stadtgrenzen hinaus zu schaffen (ich lasse mich auch gern vom Gegenteil überzeugen, wenn irgendwer einen Beleg für diesen Reichtum hat).

Wer die Vergangenheit verklärt, der verdreht auch zwangsläufig die Gegenwart und kann keine sinnvolle Vision für die Zukunft entwickeln (frei nach Helmut Kohl). Wirklicher Reichtum liegt in den Talenten der Bürgerschaft, die gilt es kleinteilig zu fördern. Das geht nur, wenn man seiner eigenen Durchschnittlichkeit bewusst wird und talentierte Leute unterstützt statt behindert oder sogar gegeneinander kämpfen lässt. Nach der kleinteiligen Arbeit klappt es auch irgendwann mit Wohlstand und Schönheit (in der Reihenfolge), wie es das Gemälde von Max Klinger im Ratssaal verspricht.

Zur weiteren Erläuterung langandauernden Chemnitzer Scheinzustände sei auf den Beitrag von Jens Kassner aus dem Jahr 2012 verwiesen: http://www.jens-kassner.de/chemnitz/achtet-auf-den-vogel/

Ursprünglich auf Facebook am 21.10.2019 veröffentlicht.