Podiumsabsage bringt Chemnitz erneut Schlagzeilen

· Verwaltung & Stadtrat · 5 Min. Lesezeit · Artikel 273 von 492

#Chemnitz #Oberbürgermeister #Presse #Demokratie

Die Absage der Chemnitzer Oberbürgermeisterin, dass sie nicht in einer MDR-Podiumsdiskussion zum Thema "Chemnitz ein Jahr danach" mit einem "Neonazi" sprechen will, hat Chemnitz gestern wieder in den deutschlandweiten Schlagzeilen gebracht. "Schuld" an der Zusage der Oberbürgermeisterin wäre laut frischgebackenem Stadtsprecher der MDR und keinesfalls man selbst.

Nun ist es verwunderlich, wenn die Oberbürgermeisterin einer Stadt Chemnitz einen der führenden Organisatoren der Demonstrationen des letzten Jahres nicht kennt, der auf fast jedem Video zu sehen ist, wie er Teilnehmende diszipliniert und sortiert, damit keine hässlichen Bilder entstehen und der auch schon von anderen Demonstrationen bekannt ist.

Noch verwunderlicher ist es, wenn Journalisten die Frage nach der Un-Informiertheit der Oberbürgermeisterin nicht stellen, sondern auf ihre eigenen Kollegen einschlagen und denen einen Maulkorb verpassen. Man zitiert als Rechtfertigung dazu zum Beispiel einen "Rechtsterrorismus-Experten" der bekundet, selbst "eine hochprofessionelle Moderation wäre nicht in der Lage, die Lügen und Falschdarstellungen richtigzustellen".

https://www.deutschlandfunkkultur.de/mdr-diskussion-mit-neonazi-abgesagt-nicht-die-diskurs.1013.de.html

Das liegt aber daran, dass die angeblich hochprofessionellen Moderation meist schlecht vorbereitet ist und die Ahnungslosigkeit und Haltungsschwäche der Podiumsteilnehmer in direkter Konfrontation mit anderen Meinungen sichtbar wird. Hier wird in der Presse Unprofessionalität zum Standard erhoben und demokratischer Diskurs für unmöglich erklärt. Wer auf dem Siegertreppchen stehen will, der muss allerdings auch Diskurs trainieren und an seiner Haltung arbeiten.

Der MDR sieht sich nun zu einer Stellungnahme genötigt, dass vor der Einladung jeder wusste, mit wem er da am Tisch sitzt und das alle zugesagt hätten. Jeder normale Mensch bzw. wenn vorhanden, dessen Stadtsprecher, schaut dann vor einer Zusage erstmal bei der Suchmaschine seines Vertrauens, wenn man die Leute nicht sowieso schon kennt.

https://www.presseportal.de/pm/amp/7880/4350885

(Allerdings stimmt die Meldung des MDR nicht ganz, da die Oberbürgermeisterin bei ihrer Zusage nicht wusste, dass ich mit am Tisch setzen werde, nachdem die Vertreterin der Grünen Jugend ihre Teilnahme abgesagt hat.)

Es ist davon auszugehen, dass die Oberbürgermeisterin weiterhin nur angenehme Termine übernimmt und, wie man aus der Branche hört, nur Medienschaffenden Interviews gewährt, die unkritisch berichten und nicht so viel hinterfragen.

Andererseits ist Angst natürlich nachvollziehbar, da man heute, zumindest im Profi-Fußball, sehr schnell entlassen wird, wenn man auf Bildern mit den falschen Leuten auftaucht oder zur falschen Zeit in der falschen Chat-Gruppe war. Ganz Aufgeregte vermuten dann sofort, man sei mit einem bösen Virus infiziert und nunmehr von der schwarzen Seite der Macht umnachtet und müsse vom gesunden Teil der Bevölkerung separiert werden. Für die "Gesunden" besteht natürlich bei exzessiven Diagnosen die Gefahr, irgendwann allein zu sein. Wer allerdings jahrelang öffentliche Gelder in extreme Strukturen zahlt und das dann mit weiteren Millionen vertuscht, scheint dafür straffrei auszugehen.

Letztendlich folgt die Oberbürgermeisterin damit weiter der Strategie des Rückzugs und zieht die Gräben tiefer, begleitet vom Klatschen derer, die auf beiden Seiten mit tiefen Gräben und hohen Mauern ihre eigene Relevanz sichern.

Die harte Diskussionsarbeit findet damit weiterhin nur unterhalb der Elfenbeintürme in Familien, an Arbeitsplätzen, in Sportvereinen oder im öffentlichen Raum statt, wo man nicht einfach absagen kann, sondern sich auch extremsten Meinungen stellen oder im schlimmsten Fall unterordnen muss.

Ein Signal von oben, dass man sich einem solchen Diskurs einfach einziehen könne, zeigt die Verachtung der Politik und der Presse für die Realität der Chemnitzer Bürgerschaft und schwächt die, die sich eine Flucht hinter Mauern und Gräben nicht leisten können und irgendeine Form des Konsens zum miteinander überleben schaffen müssen.

Ursprünglich auf Facebook am 17.08.2019 veröffentlicht.