IHK träumt weiter vom bebauten Stadthallenpark

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Denkmalschutz & Bauen, Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft · 5 Min. Lesezeit · Artikel 308 von 492

#Chemnitz #Innenstadt #Stadtentwicklung #Wirtschaft

Heute macht die IHK Chemnitz im Hinblick auf die Stadtratswahlen ernsthaft die Forderung wieder auf, das denkmalgeschützte Parkensemble vor der Stadthalle zu bebauen.

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Angeblich handelt diese Vereinigung, die sich durch Zwangsmitgliedschaften finanziert im "Namen der Wirtschaft". Offensichtlich handelt man nur im Namen der Vetternwirtschaft, da ja über die jährliche Rechnungsstellung hinaus kaum Kontakte zu den zehntausenden Zwangsmitgliedern bestehen.

Die komplette Innenstadt ist bereits versiegelt und zugepflastert. Es stehen immer mehr Läden leer. Die IHK selbst ist ein Musterbeispiel, wie man Besucherfrequenzen durch miserable Schaufenstergestaltung zum Erliegen bringt. Direkt daneben lässt der Freistaat Sachsen hunderte Quadratmeter Läden leer stehen und wirbt in den toten Schaufenstern für einen Ausflug nach Dresden. Gegenüber der IHK vermietet Möchtegern-Stadthallenpark-Bebauer Kellnberger an Spielhallen, Wettbüros, Tabakhandel, Gold-A&V. Davor treiben Drogenhändler ihr Unwesen, die solche Lokationen magisch anziehen. "Frequenzprobleme" lassen sich nicht baulich, sondern nur inhaltlich lösen. IHK raus, paar schicke Cafés rein. So einfach ist das. Da muss man halt mal Opfer bringen.

Seit Jahren ist man bei der IHK nicht in der Lage, die gepriesenen großen Handelsmarken anzusiedeln, da die mittlerweile reihenweise in die Insolvenz schlittern. Die kommen mittlerweile auch nur, wenn die Frequenz stimmt oder maximal mietsubventioniert als Salat- oder Burgerkette in eine "Kneipenmeile". Das sind Konzepte aus den 90ern, in denen die Verantwortlichen noch leben. Es würde mich wundern, wenn es in 10 Jahren Karstadt-Kaufhof, Peek&Cloppenburg und all die Handelsmarken oder die IHK noch gibt. Vielleicht sollte man endlich mal davon Abschied nehmen, die Innenstadt als Shoppingcenter zu begreifen. Shopping erfordert Einkommen, Einkommen erfordert Wirtschaftskraft, Wirtschaftskraft erfordert talentierte Unternehmer/innen und die brauchen keine IHK. Innenstädte der Zukunft sind zum Flanieren da, zum Freunde treffen, zum Spaß haben, Sport treiben, als interaktiver Schau- und Probierraum innovativer Produkte und Projekte, zum Ausprobieren von Leckereien aller Menschen Länder, für Spiel und Bildung. Vielleicht mal eine "Kammer für Lebensfreude" gründen.

Ein bisschen Kreativraum da und noch ein REWE oder Simmel dort bringen keine Menschen aus ihren Quartieren oder gar anderen Städten in die Innenstadt. Es braucht eine breite Auswahl an Speziellem, es braucht Aufenthaltsqualität wie jetzt schon im Stadthallenpark, es braucht eine Verkehrsanbindung und Leben rund um die Uhr. Dann wird Chemnitz auch mal Großstadt wahrgenommen. Mainstream und "Bestseller" gibt es in jedem Kaff.

Wenn die Angebote stimmen, muss auch keine Zwangsbeatmung mit teuren Events mehr erfolgen. Die Besucher kommen dann auch so. Dazu braucht es talentierte Leute, die leider immer noch und in letzter Zeit wieder verstärkt aus der Stadt vertrieben werden. Denen muss man günstige Startbedingungen bieten, denen muss man mal zuhören, in deren Ideen muss man investieren, auch wenn vielleicht mal was schiefgeht. Besser als jahrzehntelanges Versagen. Auf keinen Fall sollte man auf Menschen hören, die es seit zig Jahren verrissen haben und die trotzdem nach oben gestolpert sind.

Rund um den Markt werden derzeit Ladenmietpreise in ähnlicher Höhe verlangt wie am Neumarkt oder der Frauenkirche in Dresden. Die Galerie Roter Turm, der Kaufhof und das Peek&Cloppenburg stehen als geschlossene Klötze mit hunderten Metern abgeklebter Fassaden herum. Einzelhändler und Besucher werden vom Ordnungsamt oder einzelnen Anwohnern drangsaliert. Das Zentrenkonzept, nach dem sich größerer Einzelhandel nur in der Innenstadt ansiedeln darf, behindert massiv die Attraktivität der einzelnen Quartiere und fördert sinnlosen Autoverkehr in die Innenstadt. Ganze Bereiche wie der Rosenhof bestehen nur aus Nahversorgung, die keinen einzigen Besucher aus anderen Stadtteilen anzieht. Ab 18 Uhr ist die Innenstadt nach dem Auskehren des Marktes tot, am Wochenende sowieso, weil die Abwechslung zwischen Handel, Dienstleistung, Gastronomie und Kultur nicht vorhanden ist. Fleischer- und Bäckergastronomie gibt es dagegen ohne Ende, die macht aber zusammen mit den Geschäften beizeiten zu.

Hauptverantwortlich dafür unter anderem die IHK. Diese Probleme habe ich bei der IHK mittlerweile mehrfach adressiert. Wer nicht flaniert, keine Freunde trifft und zum Lachen in den Keller geht, der versteht das vielleicht nicht, baut den nächsten Klotz in einen schönen Park und wundert sich dann, warum die Besucher wegbleiben.

Ursprünglich auf Facebook am 27.04.2019 veröffentlicht.