Kostenlose Innenstadtflächen mit seltsamer Begründung
In der letzten Stadtratssitzung wurde vom Ordnungsamt vorgeschlagen, dass zukünftig keine Gebühren mehr für die Flächennutzung bei Veranstaltungen in der innersten Innenstadt anfallen sollen https://session-bi.stadt-chemnitz.de/vo0050.php?__kvonr=6973590&search=1 . Nachdem das Ordnungsamt vor einem Jahr noch Musik verbieten wollte und man fleißig Bußgelder verschickt, wenn Händler unerlaubt etwas vor ihre Ladentür stellen, ist so viel Fürsorge für innerstädtische "Kultur" ungewohnt, auch weil man damit auf 80.000 Euro verzichtet. So kostet es bislang z.B. 500-1000 Euro, den gesamten Markt einen Tag lang zu nutzen, die Klosterstraße gibt's ab 150 Euro. Kultur außerhalb der innersten Innenstadt, z.B. auf dem Hartmannplatz (kostet bis zu 2.500 Euro) soll natürlich weiterhin die vollen Beträge zahlen. Beworben werden diese Nutzungsmöglichkeiten freilich bislang nirgends. Das es in Zukunft kostenlos geht, weiß in paar Wochen auch niemand mehr. Insoweit stellt sich die Frage, wem oder was das nützt.
Fast kann man in der "Begründung" des Ordnungsamts die Worte der CWE erkennen, dass die Innenstadt trotz großartiger Leistungen und 180.000 Euro pro Jahr zum Aufbau der "Marke" ChemnitzCity weiter vor sich hindarbt. Das liegt natürlich nicht an dem dünnen Konzept https://session-bi.stadt-chemnitz.de/vo0050.php?__kvonr=6972796&search=1 und der mangelhaften Umsetzung. Nein, als Begründung jetzt nochmal 80.000 Euro zu investieren wurde angeführt, dass die Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger die Innenstadt seit dem Stadtfest 2018 meiden und "einige Veranstalter geplante Veranstaltungen abgesagt haben". Grund sind noch immer diese vielen Demonstrationen, obwohl die gar nicht mehr stattfinden. Es wird flächendeckend videoüberwacht und nach dem letztem Polizeibericht sind sogar die Straftaten gesunken.
Auf meine Nachfrage hin, welche Veranstaltungen denn nun von welchen Veranstaltern abgesagt wurden, konnte die Verwaltung gar keine benennen. Man hat lediglich so ein Gefühl, aber keine konkreten Absagen. Das wäre ja auch komisch, da die einzigsten Veranstalter in der Innenstadt ein Konglomerat aus "exklusiv events"/CWE mit "Brauereimarkt", "Festival of Sounds", "Modenächten" und "Fashion Days" usw. sowie die C3 mit dem Hutfestival und Parksommer sowie CWE mit AmKopp sind. Dann gibt es natürlich noch das als Trinkkultur getarnte "Weinfest". Eigentlich richtig viel los, allerdings nur wenn Veranstaltungen sind. Bei CWE und C3 sind die Gebühren egal, da sich das Geld dort nur im Kreis des städtischen Haushalts dreht. Nun haben Umfragen der veranstaltungsfixierten CWE und des Innenstadt-Eventveranstalters ergeben, dass es mehr Veranstaltungen in der Innenstadt braucht. Also bitte nochmal 80.000 Euro nachschenken, die bestimmt in die Qualität der Veranstaltungen und nicht in die Taschen der Veranstalter fließen.
Das in der Innenstadt hunderte Meter abgeklebte oder unattraktiv gestaltete Schaufenster, nach außen abgeschottete Gebäude und außerhalb der Galerie Roter Turm fast ausschließlich Nahkauf mit Fleischer- und Bäckergastronomie, teure Parkgebühren und die Abwesenheit von Kultureinrichtungen in Summe ein ausgiebiges Flanieren und Konsumieren unattraktiv machen, will den Verantwortlichen nicht in den Kopf. Die CWE will Markenanführerin sein, der Eventveranstalter mit seinen Events mehr Geld verdienen, die Galerie will sich weiter als Stadt in der Stadt abschotten und auch sonst soll möglichst alles so bleiben wie es ist. Nur die Besucher müssen jetzt noch die Schönheit dieser Innenstadt erkennen. Zum Anlocken derer sollen diese Events dienen, die aber leider wieder nur teure Strohfeuer sind und sicher nichts zur nachhaltigen Belebung und zu einem generell besseren Ein- und Auskommen der Innenstadthändler beitragen. Dank Zustimmung des Stadtrats brennt das Strohfeuer jetzt 80.000 Euro heller und die Taschen der Missstandsverantwortlichen füllen sich.
Es geht gar nicht um mehr Kultur, sondern um die Simulation einer belebten Innenstadt in Verbindung mit einer besseren Rendite ohne das wirkliche Problem der Flanierqualität mal anzugehen, welches seit Jahrzehnten gepflegt nun durch Onlinehandel akut sichtbar wird (wenn das Ordnungsamt Onlinehandel verbieten könnte, hätte man das auch schon getan und der Stadtrat hätte zugestimmt - zurück in die 90er, da war die Welt noch in Ordnung). Die Folge werden in Zukunft weitere Ladenleerstände und eine weitere Verödung der Innenstadt sein, die wiederum mit noch mehr Events oder gar einer Bebauung des schönen Stadthallenparks bekämpft werden wird.
Ursprünglich auf Facebook am 14.04.2019 veröffentlicht.