Chemnitzer Hooligans und die Nachwendejahre
Nachdem sich im Nachgang meiner letzten Facebook-Veröffentlichung zu den wirtschaftlichen und politischen Hintergründen mehrere sportlich interessierte Fans und auch bekennende Hooligans zu Wort meldeten und ich auch mit Mitarbeitern der CFC GmbH sprechen konnte (auch hier stehen Aussagen teilweise diametral entgegen), möchte ich das derzeitige Geschehen rund um den Chemnitzer FC etwas genauer beleuchten und eine Erklärung für das finden, was seit August 2018 in der Stadt Chemnitz geschah (Achtung langer Text, der stellenweise weh tut).
Dazu muss man 1990 anfangen, wo sich in den Wendewirren alles neu finden musste. Vieles lief gesetzlos und eine kontrollierende Funktion der Zivilgesellschaft gab es damals noch weniger als heute. So ziemlich als erste vollzogen die reisefreudigen Hooligans die deutsche Wiedervereinigung. DER SPIEGEL 14/1990 berichtet: Volkspolizei und Vereine wurden vom deutsch-deutschen Schulterschluß "ziemlich überrascht", wie Ost-Berlins stellvertretender Polizeipräsident Günter Heidemann zugibt. Der Klubvorsitzende des FC Magdeburg, Reinhard Lehmann, behauptete vor dem Spiel gegen den FC Berlin noch vollmundig "die Randalierer in den Griff zu kriegen". 48 Stunden und eine brutale Straßenschlacht später mußte er kleinlaut eingestehen: "Hundert Schläger aus Ost und West waren völlig außer Kontrolle. Die kamen mit Schlagringen, Messern und Leuchtmunition. Die Volkspolizei hat sich zu defensiv verhalten." Die Polizisten verhehlen nicht, daß sie statt früherer "Pingeligkeit, Macht und Härte" (Sportecho) nun Vorsicht walten lassen. "Wir sind besorgt um die Akzeptanz unseres Einschreitens", erklärt Jörg Gallas, Sprecher der Ost-Berliner Polizei. Die Vopos fürchten, im Volk schon wieder als knüppelnde Buhmänner dazustehen.
Der repressive DDR-Staat mit Volkspolizei, Stasi, Gewalt und Zuchthaus hatte innerhalb kürzester Zeit sein Gewaltmonopol aufgegeben. Den letzten deutschen Fußballtoten gab am 3. November 1990, als in Leipzig die Volkspolizei in Menge schoss, um Hooligans vom Zutritt ins Stadion abzuhalten. Das neue Grundgesetz konnte nicht durch den Staat durchgesetzt werden. Würde war antastbar.
Thomas H. war der Mann der Stunde, welcher in Chemnitz eine schlagkräftige Hooligan-Truppe aufbaute, die diese Lücke füllte, sich im Westen Respekt verschaffte und in Chemnitz zum Platzhirsch des Gewaltmonopols avancierte. Dank H. konnten Spiele mit einer gewissen Sicherheit vor Übergriffen fremder Hooligan-Gruppen stattfinden. Man legte sich den respekteinflößenden und bald deutschlandweit bekannten Namen und Schlachtruf HooNaRa (Hooligans Nazis Rassisten) zu. Die wenigen Ausländer wurden schon zu DDR-Zeiten angefeindet, isoliert und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Insofern störte sich niemand großartig an den Neonazis, die zu DDR-Zeiten totgeschwiegen wurden und jetzt unbehelligt auftreten konnten. Parallel zu Fußballspielen wurden organisierte Schlägereien durchgeführt. Recht schnell wurde H. zu einer Respektsperson, die handfesten Streit anfangen oder beenden konnte. Er schaffte über Jahrzehnte eine recht bequeme Situation für Polizei und Ordnungsamt, die gar nicht in der Lage waren, Massen von Hooligans unter Kontrolle zu bringen und von Schlägereien im kontrollierten Rahmen auch gar nichts mitbekommen wollte. Weiterhin kam es im Rahmen der Fußballspiele auch zur Vernetzung der Szene, da man sich ja zum nächsten Event verabreden musste und irgendwie auch kameradschaftlichen Kontakt pflegte.
Ein Beispiel einer solchen Schlacht findet sich z.B. auf Youtube unter https://www.youtube.com/watch?v=p8uISbHhdRY Der eine wird auch hier einen Nazi-Aufmarsch sehen und der andere ein Sportevent. Ab Minute 2:00 ist auch der Verstorbene in Aktion zu sehen.
Was in der 90ern und Anfang der 2000 in der Fußballszene als große Leistung galt und von Stadt und Staat gern genutzt wurde, zum Beispiel für das Chemnitzer Stadtfest, das Weindorf, das Pressefest und andere Veranstaltungen, war einige Jahre später plötzlich nicht mehr schick. Fußball wird salonfähiger, die Vereinsführung kommt aus der angesehenen oberen Schicht der Gesellschaft und Geschäftsleute wollen mitmischen, die sich eine Verbindung zur Welt der Gewalt nicht leisten können. Viel Geld zieht in den Fußball ein. Nach einem Interview in Rund - Das Fußballmagazin vom 19.2.2007 (http://rund-magazin.de/uploads/images/das_magazin/pdfs/0207.pdf ab Seite 20), indem Thomas H. sein Wirken und die Zusammenhänge beschreibt, in kippt die Stimmung. Plötzlich ist Rassist sein politisch inkorrekt und Nazi geht schon gar nicht. Am meisten schmerzt Vereinsführung, Verwaltung und Politik dabei, dass jetzt einigen Leuten klar wird, wer eigentlich das Sagen hat und dass dieser nun mit dem Interview ans Licht der Öffentlichkeit tritt. Leute, die vorher profitiert haben, wenden sich ab. H. wird zur Person non grata erklärt. Der CFC musste sich unter öffentlichen Druck offiziell von ihm trennen. Nun stellen Staat, Gesellschaft und Sponsoren den CFC vor eine unlösbare Aufgabe, Sicherheit ohne H. ist schlecht denkbar, da schließlich zig Leute zur Absicherung eines Spiels benötigt werden. Also managt er im Hintergrund weiter und es werden Strohmänner eingesetzt. Für das Stadtfest wird er 2009 sogar noch offiziell beauftragt. H.s Leute beschützten letztens angeblich sogar noch den Insolvenzverwalter.
Der gesellschaftlichen Wandel geht aber auch an der Hooligan-Szene nicht vorbei. Die NS Boys gründen sich, die Nazis und Rassisten verschwinden aus dem Namen. Der provokante Bezug zum Nationalsozialismus bleibt in Form eines NS, was zu New Society umgedeutet wird und einem stilisierten Hitlerjungen erhalten. Das reicht weiterhin zur Provokation, Empörung und latenter Gewaltandrohung. Mit dem späteren Kaotic verschwindet die Nazi-Symbolik, man geht aber immer noch martialisch genug zur Sache.
In den Folgejahren wird Fußball vom DFB durchkommerzialisiert und auch die unteren Ligen werden mehr und mehr zum Milliardengeschäft. Möglichst nichts soll das vermarktbare Image stören. Plötzlich ist auf dem Schlachtfeld die Anzahl der Toiletten und die Breite der Fluchtwege wichtiger als die Stimmung. Pyrotechnik wird sanktioniert. Die "Fischerwiese" erscheint als nicht mehr zeitgemäß und soll unter dem Druck des DFB auf einen neuen Standard gebracht werden, den sich Bürokraten an Schreibtischen ausgedacht haben. Sicherheit soll über technische Parameter geregelt werden. Überzogene Forderungen der Chemnitzer Feuerwehr treiben die Vereinsführung im Hinblick auf die damit verbundenen Kosten und den Verlust der Stimmung fast zum Wahnsinn. Seitens der wie immer übervorsichtigen Stadtverwaltung ist man bestrebt, technisch alles richtig zu machen. Unfähige Berater erhalten Unsummen, die später am Bau fehlen und den Verein teilweise vor einen noch teuer und zeitaufwändig auszubauenden Rohbau stellen. Es wird ein todsicheres Sicherheitskonzept erstellt, was einem dreimal so großen Stadion zur Ehre gereichen würde. Das notwendige Sicherheitspersonal und damit die Kosten verdreifachen sich ebenfalls. Was man früher durch Respekt geregelt hat, soll nun nach Meinung der Bürokraten durch Personaleinsatz und technische Maßnahmen aufgewogen werden. Ein Irrsinn, den H. mitmacht, auch weil genügend Geld im System steckt. So ziemlich jeder bedient sich ungehemmt aus dem vom DFB etablierten System. Warum sollten die, welche das lukrative Geschäft erst ermöglicht haben, nun außen vor sein und den Leuten in Nadelstreifen das Geldverdienen überlassen? Aufgrund des hohen Personaleinsatzes, Mindestlohn und zwischengeschalteten Firmen sind die Umsätze zwar höher, am Ende bleibt aber nicht mehr übrig als früher. Reich werden die anderen. Das geht nicht lange gut. Der Verein schlittert in die Insolvenz und wird mehrfach von der Politik gerettet, weil das Prestigeprojekt des städtisch finanzierten Stadions sonst ins Kippen kommt und als schwerer Makel bei den nächsten Wahlen zur Debatte stände. Um die Fans und den Verein geht es zu dieser Zeit schon lange nicht mehr. Am Ende übernimmt ein Insolvenzverwalter, der sich nicht um ungeschriebene Regeln schert bzw. diese auch nicht kennt und der im Verein eher einen unliebsamen Ballast sieht.
Während sich auf dem Schlachtfeld die Welt weiterdreht und nun alles familienfreundlich und ohne Ecken und Kanten sein soll, passiert in der Welt draußen das Gegenteil. Unkontrolliert kommen Flüchtlinge ins Land, der Staat ist überfordert, Probleme bleiben ungelöst und werden seitens der Verwaltung und des Staates mit Lügen übertüncht. Seit zehn Jahren hatte der Freistaat Sachsen im Hinblick auf die schrumpfende Bevölkerung und zum Ausgleich der bei der SachsenLB in dubiosen Anlage-Deals verspekulierten Milliarden diese beim Nachwuchs der Polizei, Richter und Lehrer wieder eingespart. Weniger Polizei bedeutet auch weniger erfasste Straftaten, die Statistik sieht gut aus. Ab 2015 tritt nach jahrelangen Querelen mit "Osteuropäern" durch offene Grenzen plötzlich eine neue Gruppe "Eindringlinge" auf den Plan, für die Gesetze und Ordnung nicht zu gelten scheinen. Frauen werden in der Innenstadt angemacht, Drogen werden gehandelt. Es fehlt der Respekt, die Stimmung kocht. Der Staat und die Verwaltung zeigen Unfähigkeit. Zehntausende offene Verfahren bei den Staatsanwaltschaften führen dazu, dass ausländische wie deutsche Straftäter monate- bis jahrelang auf freien Fuß leben und zu Intensivtätern werden können. Verfahren wegen leichteren Vergehen wie Diebstahl und leichter Körperverletzung werden eingestellt, da die Intensivtätern irgendwann mal eine Strafe wegen noch schwererer Taten zu erwarten haben. Statt Arbeits- und Zwangsmaßnahmen und der teilweise notwendigen harten Hand bei der Integration wird versucht, mit technischen Maßnahmen Ordnung zu schaffen: Hecken werden zurückgeschnitten, zig Kameras werden in der Innenstadt installiert, Sicherheitskonferenzen tagen, Prävention läuft auf Hochtouren. Wirtschaftsflüchtlingen, denen die Abschiebung droht, die aber jahrelang nicht durchgesetzt wird, erhalten trotz Arbeitswilligkeit keine Arbeitserlaubnis und widmen sich notgedrungen illegalen Beschäftigungen wie dem Drogenhandel oder Raubüberfällen.
In Chemnitz wird die Situation von einer überforderten Oberbürgermeisterin und einem unfähigen Ordnungsbürgermeister schöngeredet, Informationen werden der Bevölkerung vorenthalten, um niemanden "zu beunruhigen". Man geht lieber gegen Innenstadthändler vor, die ungefragt den öffentlichen Raum nutzen oder gegen ein paar Touristen, welchen das Alkoholverbot in kaum als solches erkennbaren Grünanlagen fremd ist. Die Probleme bleiben und jeder mit gesundem Menschenverstand schüttelt den Kopf. Die Folge: Die Bevölkerung ist gerade beunruhigt, Gerüchte machen die Runde, viele Leute getrauen sich nicht mehr in die Innenstadt, die arg gebeutelten Händler, Clubbetreiber und Gastronomen leiden unter Übergriffen und Umsatzeinbußen. Die Situation draußen gleicht teilweise der gesetzlosen Zeit von 1990. Während im Stadion neue Standards durchgesetzt werden und sich die Geschäftswelt und Politik feiert, gilt draußen vermeintlich nichts mehr. Mehr Raubüberfälle auf der einen Seite, aber bitte alles korrekt ge*gendert, mit wenig oder ohne Fleischkonsum, Diesel ist verboten und der Ausblick auf die Zukunft der Arbeitsplätze in der Automobil- und Zulieferindustrie unsicher.
Das Fass zum Überlaufen bringt die Auseinandersetzung zwischen dem Fußballfan Daniel H. und seinen Freunden und den neuen "Eindringlingen" nach dem Stadtfest 2018, nachdem 2017 das Stadtfest bereits abgebrochen werden musste. Statt einer sauberen Schlägerei Mann gegen Mann zieht der Kontrahent ein Messer und sticht auf den Deutschen und seine Begleiter ein. Am Ende liegt Daniel H. tot auf dem Bordstein. Respekt seitens der Stadtführung bleibt aus, stattdessen bemüht man sich redlich, dass das Lügengebäude nicht zum Einsturz gebracht wird. Auf der anderen Seite werden die Leute scharf gemacht, es wäre wohl beim Übergriff um die Ehre einer Frau gegangen. Jetzt ist das Maß endgültig voll, der Staat und die Verwaltung haben wieder bewiesen, keinerlei Problembewusstsein zu haben und das Gewaltmonopol nicht durchsetzen zu kennen. Ein Mensch ist tot, die Würde eines Fans und die Ehre einer Frau verletzt.
Die bestens vernetzte Hooligan-Szene ruft zu einem Treffen unter dem Motto "Wir holen unsere Stadt zurück" am "Nischel" auf. Ungefähr 800 Hooligans, Sympathisanten und auch Bürger aus Chemnitz und dem Umland folgen den Aufruf. Um das Versammlungsrecht und irgendwelche Regeln des machtlosen Staates schert man sich nicht. Die Folge ist ein unkontrollierter Lauf der Gruppe durch die Innenstadt, wo auch anders Aussehende und Ausländer angegriffen werden und was später als Hetzjagd in den Medien verarbeitet wird. Archaische Schlachtrufe wie "Wir sind Fans. Adolf-Hitler-Hooligans" werden als Machtergreifung à la 1933 interpretiert und sorgen weltweit für Empörung. Chemnitz, die braune Nazi-Stadt. Die Hintergründe werden zwar hinterfragt, aber keine Zusammenhänge hergestellt. Viel wichtiger ist die wochenlange Diskussion des Hetzjagdbegriffs und ein damit zusammenhängendes Berliner-Bayrisches Personalkarussell und Besucher verschiedener (Spitzen-)Politiker/innen, die aber mit mehr oder weniger leeren Händen und noch weniger Ideen kommen, aber von den Bürgerinnen und Bürgern Bekenntnisse abfordern und Kulturschaffende auffordern, sich bitte gegen die Hooligans zu stellen. Schließlich gibt es ja Kulturförderung. Das Plakat "Die Würde des Menschen ist antastbar" richtete sich an jeden.
Am Folgetag zeigt die bestens vernetzte bundesweite Szene ihre Schlagkraft. Neuntausend Menschen aus ganz Deutschland marschieren vorm Nischel auf. Der Staat beweist wieder seine Ohnmacht und kann keinerlei Sicherheit herstellen. Wieder gibt es Übergriffe und wieder werden Lügen verbreitet, man hätte alle unter Kontrolle gehabt. Diesmal fällt es jedem auf. Geschickt nutzen Politiker rechter Parteien die Situation, um ihre eigene Popularität zu stärken. Statt die Schuldigen in der Stadtverwaltung und beim Freistaat zu benennen und Konsequenzen und schnelles Handeln zu fordern, vergeudet man monatelang Zeit, um vorm Nischel gegen Merkel und die Weltpolitik zu demonstrieren. Die Stadt organisiert ein Konzert mit "unmöglichen linken" Bands (MP Kretschmer), die mit nicht weniger martialischen Songs ("Ich sprenge eure Demo und es regnet Hackepeter" https://www.youtube.com/watch?v=J_JqKXvenaE ) aber nur das Selbstbewusstsein der Verschreckten stärken. Die Gräben bleiben.
Die Führungsfigur und ordnende Hand Thomas H. erkrankt an Krebs, die Familie leidet, die Fans sammeln Geld, u.a. mit dem Verkauf von T-Shirts. Als Thomas H. Anfang März verstirbt, soll ihm, der jahrelang in der Welt des Fußballs statt und für den Staat für Ordnung und Regeln sorgte, angemessen gedacht werden. Das Spiel am Samstag, 9. März 2019, kam dafür gerade recht. Entgegen aller Regeln und Bedenken wird eine beeindruckende Pyrotechnik-Show inszeniert, der Stadionsprecher ehrt den Verstorbenen, ein Spieler hält das Benefiz-T-Shirt hoch. Als Erinnerung an alte Zeiten stehen schwarz gekleidete Personen mit roter Pyro in weißen Rauch. HooNaRa als Feuershow, ohne dass der alte Markenname erwähnt oder auch nur ein Nazisymbol oder Hitlergruß gezeigt wird.
Jeder der den Mensch und die "Verdienste" für CFC und die Fußball-Welt H.s kennt, läuft ein Schauer über den Rücken. Allen anderen Stadionbesuchern und der Öffentlichkeit allerdings auch. Die Bilder von August 2018 sind zurück. Die "Nazis" sind unter uns. Die Medien springen auf, die inszenierten Bilder erscheinen wieder deutschlandweit. Über ein weitergehendes gesellschaftlichen Wirken H.s nach 2007 lässt sich über Recherchen nichts finden. Sein Name taucht noch im Zusammenhang mit diversen Mobiltelefonbüchern mit NSU-Bezug auf und er stand im Zusammenhang mit dem Tod des Punkers Patrick T. in Oberlungwitz 1999. Ideales Futter für einen großen Skandal. Der Nazi-Finger richtet sich wieder auf Chemnitz. Wieder Erklärungsversuche, die Politik habe nichts gegen die Nazis getan. Genaugenommen hat Politik und Verwaltung mit Hooligans in einer Symbiose gelebt und wird dies wahrscheinlich auch weiterhin tun müssen. Fußball und Hooligans lassen sich nicht mit ein paar Lippenbekenntnissen oder Beschlüssen auseinanderdividieren. Wer sich jetzt als altgedienter Politiker oder leitender Verwaltungsmitarbeiter hinstellt und sagt, er habe nichts gewusst, der sollte sofort seinen Hut nehmen. Ein Ordnungsbürgermeister oder eine Polizeisprecherin die sagt, es wäre nicht als Hochrisikospiel eingestuft gewesen, lügt aufgrund der Unmengen Polizeipräsenz ebenfalls. Alle haben es kommen gesehen, alle haben mitgemacht.
Der Nicht-Aufstieg des Klubs und das finanzielle Scheitern der kommerziellen Konstruktion wurde wahrscheinlich von den Verantwortlichen der Choreographie einkalkuliert. "Lieber stehend sterben" heißt Song der Band Böhse Onkelz aus den 90ern, der gut das archaische Gefühlsleben beschreibt (https://www.youtube.com/watch?v=v9hY39hphoQ ). "Ein Trotzlied auf das, was uns im letzten Jahr passiert ist: Politiker, die unsere Konzerte unter irgendwelchen fadenscheinigen Vorwänden verboten und uns zu Sündenböcken für eine politische Situation gemacht haben, an der wir keine Schuld tragen. Ein Song also, der einerseits eine Trotzreaktion ist, mit dem wir uns andererseits aber auch selbst Mut machen wollen." sagte die Band 1993. Diese Band trägt nach mehr als drei Jahrzehnten nach Distanzierung vom Rechtsextremen immer noch einen Nazi-Makel mit sich herum, füllt aber auch sehr große Hallen mit Publikum der "Mitte". Der Verstorbene hat sich allerdings nie öffentlich distanziert und sein letztes öffentliches Image hat er sich im Interview 2007 selbst verpasst.
Im der neu gegründeten CFC GmbH steckt mittlerweile viel Geld des Insolvenzverwalters und von Geschäftsleuten, die gerade glaubten, das Gröbste wäre überwunden. Panisch behauptet man nun, man wäre erpresst worden. Dabei haben die Hooligans den Kommerz geschickt an der Nase herumgeführt. Der insolvente Verein liegt sowieso für Jahre am Boden und wird zwangsverwaltet, der Aufstieg in der 3. Liga nützt vor allem der neuen GmbH und sichert finanzielle Investitionen. Es rollen Köpfe, die Fanbeauftragte, die eine gewisse Sympathie zu Thomas H. nicht versteckt, wird entlassen. Der für den Spieltag zuständige Vorstand tritt zurück. Der Stadionsprecher verliert seinen Posten. Wirtschaftlich gefährdet ist auch das komplett neue und hoch motivierte Team, was ebenfalls völlig zu Unrecht in die Nazi-Ecke gerückt wird. Die Kleinen köpft man, die Großen lässt man laufen. Wenn ein Fußballspieler suspendiert wird, weil er ein T-Shirt hochgehalten hat oder eine Fanbeauftragte, weil sie einem Verstorbenen bekennenden Rassisten kondoliert hat, was müsste dann mit den Leuten geschehen, die mit ihm Geschäfte gemacht haben?
Der Ministerpräsident kündigt das "Zerschlagen von rechtsextremen Netzwerken" an. Gegen was will man denn vorgehen, gegen einen Trauermarsch, gegen Hooligans und extreme Tendenzen nur beim CFC, oder auch bei anderen Sportvereinen, Feuerwehren, der Polizei und Behörden? Besonders durchdacht klingt das nicht.
Die Gefahr sind nun unkontrollierte Entwicklungen. Wenn sich Hooligans deutschlandweit zusammenschließen und sich die Gewalt gegen Staat und Zivilgesellschaft richtet, wird es Tote und Verletzte geben. Zum Trauermarsch haben sich tausende Hooligans aus Deutschland und der ganzen Welt angekündigt. Bei Verboten und einem harten Durchgreifen sind dann auch Ausschreitungen in anderen Städten zu befürchten. Die Polizei wird das zwar oberflächlich unter Kontrolle bekommen. Einer Repression folgen unter Umständen dann aber Jahre der Eskalation, Anschläge und Unsicherheit.
Was Personen anrichten, die fehlgeleitet die Zivilgesellschaft mit dem Schlachtfeld verwechseln, hat man an der "Bürgerwehr" "Revolution Chemnitz" oder verschiedenen Anschlägen auf internationale Restaurants gesehen. Linksextremisten werden sich ebenfalls zu Aktionen provoziert fühlen, bei denen Unbeteiligte zu Schaden kommen.
Insofern hier der Aufruf zu respektvollen Umgang miteinander. Sicherheit muss durch den Staat und eine Verwaltung mit einer Haltung und eine dringend noch fertig zu entwickelnde Zivilgesellschaft garantiert werden. Dazu zählt fähiges Führungspersonal, was keinen Wahlergebnissen hinterherhechelt und konsequent eine Linie durchsetzt. Nämlich Förderung von Respekt und Ehrenamt zum Aufbau einer intakten Zivilgesellschaft. Es braucht keine technischen Spielereien und kein neues Polizeigesetz. Derzeitige Strukturen stützen keine Zivilgesellschaft, sondern simulieren nur Veränderung und befördern Spaltung. Es braucht eine funktionsfähige Zivilgesellschaft, die Konflikte selbst bearbeiten kann. Zur Zivilgesellschaft gehört auch ein sportlich orientierter und nicht vom DFB kommerziell missbrauchter CFC-Verein. Das werden Stadt und Verein nicht aus eigener Kraft und nicht ohne personelle Erneuerung schaffen. Archaische Umgangsformen auf der 1990ern haben in einer modernen Gesellschaft nichts verloren. Dafür gibt es Schlachtfelder mit festen Regeln und definierten Grenzen.
Ursprünglich auf Facebook am 14.03.2019 veröffentlicht.