Stadionchoreografie für Chemnitzer Hooligan-Legenden

· Verwaltung & Stadtrat, Kultur & Kulturhauptstadt · 5 Min. Lesezeit · Artikel 322 von 492

#Chemnitz #Rechtsextremismus #Stadtrat #SächsischeVerhältnisse

Nach den Ausschreitungen im August 2018 erlebte Chemnitz gestern eine weitere Machtdemonstration der hiesigen Hooligan-, Nazi- und Rassisten-Szene. Diesmal nicht unter den Augen der Weltöffentlichkeit, sondern vor "nur" 4.000 Zuschauern im städtischen Stadion. Minutenlang und mit einer beeindruckenden Performance und Pyro-Show werden unter begeisterten Worten des CFC-Stadionsprechers die Verdienste des verstorbenen HooNaRa(HooligansNazisRassisten)-Gründers Thomas Haller für den Verein gewürdigt. Ein Spieler läuft mit "Support your local Hools"-T-Shirt über das Feld, eine SPD-Stadträtin und "Fanbeauftragte" kondoliert öffentlich auf Facebook, während andere Beifall klatschen. Der Auftritt einer vitalen Chemnitzer Nazi-Szene, wo einige Protagonisten noch vor wenigen Tagen beim Chemnitzer Friedenstag mitgelaufen sind.

Über die Vernetzungsstrukturen der HooNaRa und deren Nachfolgeorganisationen NS Boys und Kaotic wurden auch die Ausschreitungen im August organisiert. Der erwähnte "Verdienst" solcher Organisationen besteht in Schlägereien mit anderen Hooligan-Gruppen, verbotenen und deshalb umso eindrucksvolleren Pyrotechnik-Shows und martialischen Schlachtgesängen, um andere Gruppen einzuschüchtern. Stadion und Anreiseweg sind das Schlachtfeld, "alte Werte" wie Rassismus und Sexismus werden hochgehalten und "verteidigt". Jeder der sich gegen das archaische Ziel stellt, zählt als "Antifa". Hin und wieder klinken sich Benebelte aus dieser Parallelwelt aus und richten ihre Gewalt gegen die bunte Welt der Kulturschaffenden, fremdländischer Gastronomien oder politische und soziale Einrichtungen. Man tut sich bundesweit auch mal zusammen, trifft sich in Köln (Hogesa-Ausschreitungen 2014), in Leipzig (Überfall auf Connewitz 2016) oder Chemnitz und zerrt die Stadt und die Stadtgesellschaft mit ekligen Bildern an den Pranger der Weltpresse. Die Redner-Pulte nutzen dann allerdings clever politische Hetzer, die ohne die Gewalt sonst niemand wahrnehmen würde. Gewaltbereite Schläger wurden vor 100 Jahren schon mal als Steigbügelhalter für solche Politiker genutzt und wurden nach der Machtergreifung integriert oder bei Nonkonformität hingerichtet.

Haller hat ein einträgliches Geschäftsmodell gebaut, indem er mit seine eigenen Schlägertrupps im "eigenen" Stadion nur "Stimmung machen" und nicht zuschlagen ließ und dafür andernorten Respekt mit handfesten Argumenten einforderte. 2007 war damit zumindest offiziell Schluss, nachdem er dieses Modell lang und breit einem Fußballmagazin erläuterte (ab Seite 20 http://rund-magazin.de/uploads/images/das_magazin/pdfs/0207.pdf ). In Mafia-Kreisen nennt sich das Schutzgelderpressung. Mittlerweile haben sich die Preise für die Sicherheit in und ums Stadion vervielfacht. Das Geschäft läuft also immer noch, wenn auch mit anderen Namen und Hand in Hand mit Ordnungsamt, Feuerwehr und Polizei, die über ein extrem aufwändiges Sicherheitskonzept der Szene für jedes Spiel zigtausende Euro zukommen lassen. Nach MDR-Informationen ist Haller-Security bis heute im Stadion aktiv und stellt als Subunternehmen des derzeitigen Generalauftragnehmers einen Großteil der Ordner.

Wie reagiert ab Montag die Politik: Die hauptverantwortlichen Politiker distanzieren sich, sie haben jahrzehntelang nichts gesehen und nichts gewusst. Außerdem ist alles nicht so schlimm. Eine Stadträtin wird für ihre Dummheit öffentlichkeitswirksam geköpft. Die Oberbürgermeisterin tut was sie immer tut. Schweigen und Abwarten. Wenn sich die Aufregung gelegt hat, stellt man sich dann wieder an die Spitze bürgerlicher Friedensumzüge oder geht mit der Bundes- und Landespolitik zum überfallenen Fremdländer Abendessen. Nebenbei werden auf Sachbearbeiterebene und durch das Ordnungsamt kritische Kulturprojekte totgemacht, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Dafür fließt noch mehr Geld in Missstandsmanagement, Stadtmarketing und Volksbespaßung, wo mittlerweile viele Jobs für folgsame Parteianhänger geschaffen wurden (dem Geschäftsmodell der Kulturhauptstadt widme ich mal einen weiteren Beitrag).

Das passiert alles in einem Stadion, welches die Chemnitzer Bürgerschaft erst durch falsche Versprechungen, später Lügen und Betrug mit aus dem Chemnitzer Haushalt abgezweigten Millionen finanziert hat und nun nach letztem Stadtratsbeschluss für fünf weitere Jahre den Großteil der Betriebskosten übernimmt. Ein Verbot von Extremisten, Rassisten und Sexisten wurde in diesem Zusammenhang von den meisten Stadträtinnen und Stadträten der SPD/LINKE und CDU/FDP abgelehnt. Das Geschäft mit Gewaltpotential und teurer Sicherheit, Prävention und Folgen-(nicht Ursachen)beseitigung kann also zum Schaden der Stadt und der Gesellschaft weiterlaufen. Als Dankeschön für so viel berechnende Dummheit werden dann bei den Stadtratswahlen im Mai die davon profitieren, die am geschicktesten auf die erzeugte Angst und Unsicherheit aufsatteln.

Ursprünglich auf Facebook am 10.03.2019 veröffentlicht.