Chemnitz braucht Urbanität statt Eigenheimreflex

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Verkehr & Mobilität, Verwaltung & Stadtrat · 4 Min. Lesezeit · Artikel 331 von 492

#Chemnitz #Stadtentwicklung #Innenstadt #Region

Die Freie Presse berichtet heute über die Stagnation in Chemnitz. Das Konkurrenzdenken von Detlef Müller, jetzt Eigenheime zu bauen und Menschen aus dem Umland abzuziehen, halte ich für schädlich. Vielmehr muss ein Schulterschluss mit dem Umland und eine gemeinsame Vision für eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Region entwickelt werden. Es werden in Zukunft viele einzeln stehende Häuser, ganze Gehöfte oder kleine Gewerbebetriebe im Umland leer werden, wo neue Bewohner und Gewerbe gesucht werden. Wenn es geeignete Mobilitätsangebote gibt, ist gegen ein Pendeln nichts einzuwenden. Genau so können moderne Arbeitsformen mit Coworking und Maker Spaces bei schneller Internetanbindung auch im Umland entstehen. Hier wird seitens der Landespolitik viel versprochen und wenig Praktisches geliefert und Initiativen "von unten" werden auf Sparflamme gehalten. Ohne ein starkes Umland geht die Stadt Chemnitz ein.

Die Stadt muss hingegen urbaner werden. Das erreicht man nicht mit Eigenheimsiedlungen, Zersiedelung oder Zerstörung von Grünflächen. Es müssen Lücken in aufgebrochenen Karrees geschlossen werden. Wesentliche Funktionen des täglichen Bedarfs gehören fußläufig in die Quartiere. Das erfordert die Unterstützung und die Ansiedlung von Gewerbetreibenden, denen im Moment durch die Verwaltung und Zentren-Denken das Leben eher schwer gemacht wird und wo auch keinerlei Verständnis der Wirtschaftsförderung oder der IHK für organische Stadtentwicklung zu verspüren ist. Quartiere müssen Alleinstellungsmerkmale weiter ausdifferenzieren und mobilitätstechnisch besser untereinander verbunden werden, ohne das man jedesmal den Zwangsumweg über die Zentralhaltestelle fahren muss.

Eine Zwangsbeatmung der verkorksten Innenstadt führt zu ständigem Geldverbrennen. Solange dort generelle Herausforderung wie die Flanierqualität durch Gestaltung von Plätzen und Fassaden, der Ladenmix und die Abwechslung, die Qualität und Vielfalt der Gastronomie und der Kultur und die Ausrichtung auf Zeiten nach 18 Uhr (wenn der werktätige Mensch von Arbeit kommt und vielleicht noch ausgehen will) nicht gelöst werden, wird das nichts. Dazu braucht man kreative Unternehmerinnen und Unternehmer, denen man aber nicht das komplette Risiko einer Entwicklung aufbürden kann. Geschmacklose und nach innen gekehrte neue Bauwerke oder teure Festlichkeiten lösen die Probleme dagegen definitiv nicht.

Letztendlich scheitern Macherinnen und Macher aber immer an den selben Personen, die teilweise schon seit Jahrzehnten in den gleichen Strukturen das Geld der Bürgerinnen und Bürger für nutzlose Reförmchen und Marketingkonzepte verbrennen und sich kleinteiliger Zusammenarbeit mit Kreativen und der Unterstützung beim Aufbau einer vielfältigen und eigenständigen Szene verweigern. Das ist die Simulation von Entwicklung durch Menschen, deren einzigste Kreativität beim Machterhalt entfaltet wird. Die letzten ablehnenden Stadtratsbeschlüsse zur Unterstützung der Freien Kultur oder zur Erleichterung der Förderung von Kleinen Unternehmen in benachteiligten Stadtquartieren sprechen da Bände. Beauftragt wird nur, wer Gefälliges sagt und sich in die Strukturen des Geldverteilens und der Kontrolle ganz unten einordnet. Auf eine biologische Lösung des Problems kann man leider nicht warten, denn konformer Nachwuchs wurde bereits herangezogen.

Wir müssen zur Subsidiarität als Grundlage unseres Handelns zurückkehren und die Gewerbetreibenden, Bürgerinitiativen und Kreativen unterstützen, welche die Stadt voranbringen wollen. Wir müssen weg, von Konzepten für 2030, 40, 50. Es gibt genug zu tun und die Macherinnen und Macher an der Basis wissen, wo es klemmt und wie man mit kleinteiligem Handeln Großes schafft. Die beliebten Leuchttürme der Simulanten weisen nämlich auf Gefahren hin und dienen nicht der Allgemeinbeleuchtung.

Zum Artikel https://www.freiepresse.de/chemnitz/warum-die-stadt-chemnitz-erneut-zu-schrumpfen-droht-artikel10427119

Ursprünglich auf Facebook am 24.01.2019 veröffentlicht.