Fachkräftefang mit Diesel-ICE und Tamtam

· Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft, Verkehr & Mobilität, Verwaltung & Stadtrat · 2 Min. Lesezeit · Artikel 330 von 492

#Chemnitz #Wirtschaft #Marketing #Digitalisierung

Während man im Rest der Welt moderne digitale Plattformen nutzt, um von Fachkräften gefunden zu werden, ist Chemnitz ist "irgendwie anders" (O-Ton). Hier mietet man in Ermangelung einer ICE-Anbindung und zur Freude von Fans historischer Eisenbahnen einen alten Diesel-ICE, um eine Handvoll Bewerber mit viel Tamtam von Nürnberg nach Chemnitz zu zuckeln. Was auf den ersten Blick wie ein witziger Marketing-Gag mit dem singenden Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung in der Hauptrolle wirkt, täuscht leider über mangelnde Basisarbeit hinweg und ist tausenden offenen Stellen nicht angemessen.

Die Fachkräfte suchenden Unternehmen nehmen von Monat zu Monat zu statt ab. Dies wird als Erfolg für die Bewerberplattform gefeiert, ist aber ein Warnzeichen, dass wirksame Maßnahmen fehlen. Die Wirtschaftsförderung hat sich leider zu sehr in die Simulation von Aktivität verstrickt, die mit PR-trächtigen Aktionen vor allem nach innen wirkt, um die eigene Bedeutung zu stärken.

Ansiedlungen und neue Unternehmen entstehen derweil dort, wo man mit leisen Tönen, viel kleinteiliger Arbeit und kompetenten Personal die richtigen Rahmenbedingungen schafft, Initiativen von unten stärkt, eine starke Technologie- und Kulturszene entwickelt und Menschen Grund zum Bleiben und eine Perspektive gibt. Es ist kein Wunder, dass nach Neuausrichtung des Stadtmarketings und der Wirtschaftsförderung auf PR-Maßnahmen und Analoges in den letzten Jahren wieder mehr und mehr Chemnitzer ihre Heimatstadt verlassen und Chemnitzer Firmen in anderen Städten Zweigstellen eröffnen, da mit steigenden Immobilienpreisen, überfüllten Schulen, Lehrermangel und stagnierender Entwicklung wichtige Attraktionen für Fachkräfte verloren gehen. Wer viel verspricht, muss dann auch leisten und Enttäuschungen bei Fachkräften, Gründern und Partnern sprechen sich schnell herum.

Ursprünglich auf Facebook am 26.01.2019 veröffentlicht.