Chemnitzer Nahverkehr in Zahlen zerlegt
Da Chemnitz ja als Autostadt verschrien und der Anteil der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs trotz ständiger Erweiterungs- und Umbauarbeiten rückläufig ist, habe ich mir ein paar wichtige Kennzahlen unter die Lupe genommen, um etwas Klarheit zu bekommen, woran das liegen kann. Leider muss ich Zahlen von 2015 nehmen (die in verschiedenen Quellen leicht abweichen), da die Stadtverwaltung meine Ratsanfrage dazu nicht mit zuverlässigen Aussagen beantworten wollte.
Die CVAG transportierte in 2015 ca. 38,6 Millionen Fahrgäste insgesamt 152 Millionen Kilometer weit. Dafür nahm man 26,754 Millionen Euro ein. Die Stadt gab nochmal 17,5 Millionen aus den Gewinnen der eins energie (und damit aus den Strom-, Erdgas- und Fernwärmekosten der Bürgerinnen und Bürger) dazu. Es ergibt sich damit ein Kilometerpreis 0,29 Euro pro besetztem Platz insgesamt bzw. 0,18 Euro pro km als direkte Fahrgastbelastung. Das sind nur Durchschnittswerte, per Einzelfahrschein zahlt man auch mal mehr als 1 Euro pro km, während Vielfahrer weit darunter kommen.
Im Vergleich dazu waren 2015 in Chemnitz insgesamt 121.139 PKW angemeldet. Ein PKW wird im (bundesweiten) Schnitt 14.000 km pro Jahr gefahren. Wenn jeder PKW ca. 5.000 km pro Jahr in der Stadt gefahren wird (die anderen 9.000 km außerhalb), kommt man auf 606 Millionen Kilometer. Die durchschnittliche Besetzung von PKWs liegt im Schnitt bei 1,5, damit kommt man auf 909 Millionen Personenkilometer in der Stadt. Für Verkehrsflächen gibt die Stadt pro Jahr ca. 60 Millionen aus. Wenn davon ca. 20 Millionen direkt auf Chemnitzer PKW entfallen (und nicht auf Fußwege, LKW, Pendler etc.) ergibt das pro km nochmal 0,02 Euro "Subvention", wenn man mal davon absieht, dass Verkehrsflächen für PKWs und öffentlichen Nahverkehr für Fußgänger nicht mehr zur sinnvollen Nutzung zur Verfügung stehen und auch sonst nicht gut aussehen.
Ein gebrauchter Kleinwagen kostet ohne Schnickschnack inkl. Anschaffung/Wertverlust, Versicherung, Steuer, Benzin/Dieselverbrauch, Reparaturen usw. bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von 14.000 km pro Jahr unter 0,20 Euro pro km. Wenn man noch jemanden mitnimmt, halbiert sich der Preis auf 0,10 Euro pro Kilometer und Person. Bei durchschnittlicher Besetzung von 1,5 kommt man auf einen Personenkilometerpreis von 0,13 Euro. Carsharing, z.B. mit Teilauto beginnt für Vielnutzer bei 0,18 Euro (0,12 Euro pro Personenkilometer) und liegt damit ebenfalls weit unter den individuellen Durchschnittskosten des öffentlichen Nahverkehrs (Zeitkosten beim Carsharing mal gegen Zeitersparnis gerechnet).
Neben finanziellen Vorteilen hat das eigene Auto gegenüber dem öffentlichen Nahverkehr eine Reihe weiterer handfester Vorteile: Man kann rund um die Uhr direkte Verbindungen von Haustür zu Haustür fahren, was die Strecken und Zeiten teilweise um mehr als die Hälfte verkürzt und den Kilometerpreis nochmal zugunsten des Autos verändert. Man ist relativ wetterunabhängig, kann Stadt- und Landesgrenzen ohne Umsteigen überschreiten, kann ziemlich viele Sachen transportieren und andere Leute mitnehmen. Andererseits braucht man einen Führerschein, sollte nebenbei nichts anderes machen und im Vollbesitz seiner Kräfte sein, was einige Personengruppen von anderen Führerscheinbesitzer abhängig macht. Parkplatzsuche kann je nach Abstellort manchmal etwas nervig sein und Eigentum verpflichtet. Die Komponente Umweltschutz relativiert sich etwas, wenn man bedenkt, dass in Chemnitz Dieselbusse unterwegs sind (Elektrobusse will CVAG nicht, zu modern), der Strom für Straßenbahnen aus verheizter Braunkohle stammt und im Durchschnitt knapp 5 leere Plätze pro besetzten Platz mittransportiert werden.
Spätestens wenn es Carsharing mit selbstfahrenden Elektrofahrzeuge gibt, ist der öffentliche Nahverkehr auf vielen Strecken nicht mehr konkurrenzfähig, da dann auch Nicht-Führerscheinbesitzer sofort umsteigen werden. Das kann bereits in 10 Jahren soweit sein. Derzeit laufenden millionenschwere und nervige Bauarbeiten an höheren Bahnsteigen oder den Streckenausbau ins Umland, während nahezu nichts zur Bedarfsermittlung bei Autofahrern oder in Kampagnen investiert wird, den Umstieg auf öffentlichen Nahverkehr zu erleichtern. Fragen dazu will die Stadtverwaltung nicht beantworten. Jedenfalls hat mich als regelmäßigen Autofahrer in den letzten 20 Jahren weder eine Umfrage erreicht noch kann ich mich an irgendeine Ansprache erinnern, die mir den öffentlichen Nahverkehr schmackhaft gemacht hat. Lediglich die unmöglichen Baustellen und die optisch hässlichen Parkhäuser in der Innenstadt lassen mich häufiger auf das Fahrrad umsteigen, da ich kein Geld für misslungene Stadtplanung zahlen will. Die eigene Irrelevanz steigert die CVAG noch dadurch, dass man seit über 10 Jahren keine Fahrplandaten an Google Maps übermittelt (was ca. 200.000 Chemnitzer und nahezu alle Touristen nutzen), keine eigene App hat und auf die Öffi-App nicht hinweist und nicht mal mehrsprachige mobilgerätfähige Fahrplanhinweise für Touristen geben kann. Das ist sehr schlecht und zeigt komplettes Desinteresse, sich attraktiver aufzustellen. Stattdessen wundert man sich, warum die dummen Autofahrer nicht endlich auf das tolle öffentliche Angebot umsteigen. Weil davon niemand was weiß und weil es auch gar nicht to toll ist. Selbst bei einem kostenlosen Angebot ist zu befürchten, dass kaum ein Autofahrer davon einen Nutzen haben und Umsteigen wird. Alles Mutmaßungen, da es dazu keine bekannte Datenlage gibt.
Das soll jetzt kein Plädoyer für das Autofahren sein, sondern für das Nachdenken, warum der öffentliche Nahverkehr trotz ständiger Heilsversprechen nicht funktioniert und in Zeiten der Digitalisierung und Carsharing grundsätzlich mal alte Zöpfe abgeschnitten werden müssen. Ansonsten gibt es den öffentlichen Nahverkehr nämlich irgendwann nur noch, weil man Autofahrern die Stadt zur Hölle macht. Strafe für die Dummheit anderer kann aber nicht der Ansatz sein. Vor allem müssen Befürworter des öffentlichen Nahverkehrs mal mit Befürwortern des Autoverkehrs mit Blick auf die Motivation und die Vorteile für Bürgerinnen und Bürger diskutieren und nicht nur im Hinblick auf die eigene Motivation. Vielleicht liegt man gar nicht soweit auseinander.
Die Bilder zeigen übrigens hässliche Verkehrsflächen des öffentlichen Nahverkehrs in der Innenstadt, wo die Stadt aus Zeitgründen teilweise sogar (neu verlegtes) Altstadtpflaster rausgerissen und gegen "geschliffenen" Asphalt ersetzt hat. Da sieht man das Versagen sogar baulich manifestiert, den öffentlichen Nahverkehr attraktiv und akzeptabel zu machen.
Vielleicht habe ich bei den obigen Betrachtungen was Wesentliches übersehen und jemand hat noch Hinweise oder andere Zahlen dazu - gerne unten als Kommentar oder Teilen mit Leuten, die sich auskennen. Es soll ja Stadtratsfraktionen geben, denen die Mitarbeit im Betriebsausschuss unter Leitung von Herrn Runkel nicht verwehrt wurde, deren Ratsanfragen beantwortet werden und die hier vielleicht mitlesen, um ein paar eigene Ideen für Verbesserungen zu entwickeln, anstatt sich von der Verwaltung an der Nase herumführen zu lassen.
Ursprünglich auf Facebook am 10.06.2018 veröffentlicht.