Sachsens harter Shutdown ohne klaren Ausweg
Sachsen hat neben Bayern die schärfsten Einschnitte in Grundrechte erlassen, um die Anzahl der Corona-Infektionen einzudämmen. Davon merkt man allerdings noch nichts, weil man gar nicht so viel testen kann, wie man statistisch eigentlich müsste und die Dunkelziffer angeblich vielfach höher, aber eben unbekannt ist. Die Todesrate ist durch unterschiedliche Maßstäbe in den Ländern nicht vergleichbar, wird aber ständig verglichen. Medial verbreitete Zahlen aus Rückmeldungen der Gesundheitsämter als Maßstab politischer Entscheidungen und Angst in der Bevölkerung wirken wie Kaffeesatzlesen. Die Bundesregierung deutet nun an, was viele wussten: Es steht eine Verlängerung um weitere 14 Tage an. Was man nicht hat durchblicken lassen ist, wie der Plan für "danach" aussieht und wann "danach" überhaupt ist. Der neuartige Virus reiht sich ein in viele andere Viren vor ihm und wird Experten zufolge 70% der Menschheit anstecken, bis eine Grundimmunisierung erfolgt ist. Wenn man die Infektionsrate auf ein Maß herunterdrückt, welches bei der geschätzten Schwerst-Erkrankungsquote die Krankenhäuser nicht überlastet, könnte man die Bevölkerung ehrlicherweise auch schon mal darauf vorbereiten, dass es mindestens ein Jahr dauern wird und das sich jeder schonmal an den Anblick von Menschen mit Schutzmasken gewöhnen und schnellstmöglich selbst welche nähen oder auf dem Schwarzmarkt erwerben soll, um andere vor sich selbst zu schützen.
Während zuerst Kulturschaffende, dann Gastronomen, nun kleine Läden und körper- und geselligkeitsnahe Dienstleistungen vom System als "entbehrlich" erklärt wurden und wegen angeordneter Solidarität zugeschlossen werden und Almosen beantragen müssen, verlagern sich Umsätze zu Supermärkten und Online-Angeboten. Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Beatmungsgeräte werden sogar zu zigfachen Preisen wie üblich gehandelt. Goldgräberstimmung kommt auf während paar Meter weiter der Totengräber arbeitet. Noch ist Hoffnung, der Spuk wäre in zwei Wochen vorbei. Arbeitslosen Minijobbern und Kulturschaffenden wird jetzt schon empfohlen, sich doch in der Landwirtschaft zu verdingen, weil die Billigarbeitskräfte aus dem Osten nicht mehr anreisen dürfen. Kapitalismus erkennt und nutzt auch das Potential von Epidemien durch Neuzuweisung von Arbeitskraft. Politik und Verwaltung, denen solche Vorschläge entspringen, haben sich selbst für nicht entbehrlich erklärt und danach einen Teil der Angestellten nach Hause geschickt hat, wo diese mangels Digitalisierung der Verwaltungsprozesse oft nicht im Home Office arbeiten können.
Nun sollen durch dieses Stilllegen ganzer Branchen und des öffentlichen Lebens die Ansteckungen verringert werden. Beim Besuch im unentbehrlichen Lidl-Supermarkt fiel mir auf, dass man das aber gar nicht ernst nimmt. Erst wird man gezwungen, den Wagen des Vorgängers statt eigenen Einkaufsbeutel zu nehmen, da dieser Wagen angeblich Abstand zu anderen Kunden sicherstellt. Der versiffte Griff wird dann am Eingang von einem mehr oder weniger mürrischen Security-Mitarbeiter mit einer undefinierbaren Flüssigkeit eingesprüht wird, natürlich nur oben und bisschen links und bisschen rechts. Die Schmierinfektion freut sich, da schon vor dem Einsprühen an neuen Händen. Danach darf man im Supermarkt alles anfassen und die Schmiere auf die Waren verteilen. Gefühlt die Hälfte der Besucher sind Risikogruppe und drängen sich trotz Korb in engen Gängen. An der Kasse ist dann ein viel zu kurzer Spuckschutz als Attrappe installiert, die Verkäuferin gibt unbehandschuht und ohne Mundschutz hustend Kleingeld heraus, nachdem alle Waren nochmal angefasst wurden. Der Virus wird dann nach Verteilung an die Kunden nach Hause geschleppt. Ähnliche Zustände bei Edeka, lediglich Aldi hat es geschafft, den Kunden vor dem Wagen ein paar Einweghandschuhe überzustülpen und das Verkaufspersonal behandschuht in eine rundum geschützte Kabine zu stecken. Vorbildlich. Kleine Läden können das im Zweifelsfall wesentlich besser, zumal hier der Inhaber meistens selbst hinter der Theke steht und auf Hygiene achtet. Ähnliches spielt sich bei Lieferdiensten der Gastronomie ab. Handschuhe und Mundschutz gehören hier nicht immer zur Arbeitsausrüstung, getestet wird nur, wer nach 14 Tagen Inkubationszeit Symptome zeigt. Bei der Arbeit unterhalten reicht und schon kommt mit der nächsten Bestellung das Virendressing frei Haus auf dem Salat. Kontrolle, regelmäßige Viren-Tests für Gastronomiearbeiter oder zumindest Hinweise für die Gewerbetreibenden durch das städtische Gesundheitsamt sind Fehlanzeige. Verteiler sind auch Paketdienste, von denen immer noch einige die persönliche Unterschrift verlangen und den dafür erforderlichen Stift durch hunderte Hände gehen lassen.
Polizei, Gesundheitsamt und Berufsgenossenschaft halten sich von diesen Zentren der Virenverteilung fern und spüren lieber Leuten im Park nach, die dort in der Sonne liegen und dabei wahrlich niemand anstecken können. Das ist nämlich eine Straftat. Mittlerweile gibt es dank deutscher Gründlichkeit sogar Bußgeldkataloge, während das Betreiben von offensichtlichen Virenverteilzentren straffrei bleibt. Ebenso ist es bei Strafe verboten, statt wohnungsnah im überfüllten Stadtpark spazieren zu gehen, im Kokon des eigenen Autos raus zu einem menschenleeren Erzgebirgswald zu fahren. Wer ohne triftigen Grund aufgegriffen wird, muss mit einer Anzeige rechnen, obwohl er hinsichtlich Vermeidung von Infektionen und Gesunderhaltung des eigenen Körpers und Geistes alles richtig gemacht hat.
Wenn sich die verantwortlichen Politiker nicht langsam mal mit den Grundzügen von Hygiene und Social Distancing und deren essentieller Bedeutung zur Verhinderung von Infektionen beschäftigen und ihr Heil in irgendwelchen Handy-Überwachungs- und Einsperrszenarien sehen, wird sicher der Unmut der Bevölkerung in Kürze nicht mit eilig aufgesetzten Mini-Geschenken an dem Untergang geweihte Unternehmen unter Kontrolle bringen lassen. Mietkostenstützen von paar tausend Euro bringen nichts, wenn ganze Branchen ihre Saison-Umsätze von zigtausenden Euro im Sommer machen, um über den anschließenden dürren Winter zu kommen. Ohne den angefressenen Sommerspeck überleben das die Unternehmen nicht und die derzeitigen Zuschüsse und Kredite geben darauf keine Antwort, weil das Geld später fehlt und Zuschüsse nicht zum Ansparen dienen. Weiterhin sollte man der Realität ins Auge sehen, dass Super-Spreader weiterhin ohne Schutzausrüstung unterwegs sind, während man eine noch gutwillige Bevölkerung in Wohnungen einsperrt.
Ursprünglich auf Facebook am 30.03.2020 veröffentlicht.