Corona-Testzentrum mit Messehallen-Logik

· Verwaltung & Stadtrat, Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft · 3 Min. Lesezeit · Artikel 218 von 493

#Chemnitz#Corona#Gesundheit#Verwaltung

Während andere Gemeinden den für einen Corona-Test notwendigen Rachenabstrich nach telefonischer Vorberatung auf Drive-In-Parkplätzen durch das halb geöffnete Autofenster heraus nehmen, um unnötigen Kontakt zu Risikopatienten vermeiden, wurden in Chemnitz in der Messehalle imposant und pressewirksam 140 Untersuchungsboxen aus übrig gebliebenen Messeständen aufgebaut, wo dann wohl bis zu 140 Rachenabstriche (Gesamtdauer 10-15 min) parallel erfolgen sollen. Medizinische Ausrüstung fehlt dort komplett, es sollen sich nur "milde" Fälle melden, die in Risikogebieten waren oder Kontakt zu Erkrankten hatten. Leute aus dem Umland und alle mit Symptomen ohne benennbaren Risikokontakt werden wieder weggeschickt. Es stehen aber Betten bereit, wenn jemand während des aufwändigen Drumherums einen Kollaps bekommt. Die Rachenabstriche werden in Labors gebracht und die Risikopatienten gleich wieder auf den Nachhauseweg in die Selbstisolation geschickt, da es bis zu 48 Stunden dauert, bis ein Resultat vorliegt. Zum dauerhaften Aufenthalt sind die Boxen nicht gedacht.

Einige Leute ohne eigenes Auto werden dank dieser Präsentation der neuen Möglichkeiten auch mit öffentlichen Verkehrsmittel an- und abreisen oder sich von anderen fahren lassen, ohne vorherige telefonische oder Video-Beratung in Anspruch zu nehmen.

Grund für das gegenüber dem Drive-in aufwändigere Procedere ist hoffentlich nicht, dass wie in der Pressekonferenz mehrfach betont, als erstes Krankenkassenkarte ausgelesen werden muss und beim Checkin Papierkram erforderlich ist oder die Stadt durch die Konzentration "Mengenrabatte" für die 60-90 Euro teuren Tests bekommt, wo man sich noch gar nicht einig ist, wer das letztendlich bezahlt. Grund ist hoffentlich auch nicht, die verwaiste Messehalle und Messeequipment unbedingt auszulasten, um Mittel aus dem Gesundheitssystem in die Stadtkasse umzuleiten. Oder imposante Bilder für die Presse zu erzeugen, dass man alles im Griff hat. Wenn komplizierte Verwaltungsprozesse und ungeklärte Abrechnung dazu führen, dass gerade Risikopatienten aus der Selbstisolation heraus durch die ganze Stadt reisen müssen, läuft irgendwas schief und man muss sich über unkontrollierte Ausbreitung und dann wirklich volle Auslastung der Boxen nicht wundern. Drive-Ins und kompetente Videoberatung per WhatsApp, FaceTime und Co. wären in der Autostadt der Moderne angebrachter. Die vielbeschworene Zusammenarbeit mit der Region scheint ebenfalls vom Tisch. Die Botschaft lautet neuerdings im Großen wie im Kleinen: Jeder ist sich selbst der nächste, wozu auch gut passt, dass man auf dem Weg zum Test gleich noch paar andere ansteckt.

Ursprünglich auf Facebook am 17.03.2020 veröffentlicht.