Kosmonaut-Aus legt Förderpolitik offen

· Kultur & Kulturhauptstadt, Verwaltung & Stadtrat · 7 Min. Lesezeit · Artikel 224 von 492

#Chemnitz #Kulturhauptstadt #FreieSzene #Förderpolitik

Ich hatte vor zwei Monaten bereits über die Gründe berichtet, weshalb das Kosmonaut Festival in Chemnitz wahrscheinlich ausfällt. https://www.facebook.com/story.php?story_fbid=2690566291033322&id=lars.fassmann

Vorgestern war es dann offiziell soweit und in die Presse ist nun voll von peinlichen Oje-Statements der instinktgeleiteten Lokalpolitik nebst Anmeldung von Gesprächsbedarf. https://www.tag24.de/nachrichten/chemnitz-kosmonaut-festival-politiker-wollen-festival-zurueck-1388258 https://www.freiepresse.de/chemnitz/kosmonaut-aus-so-schnell-wird-nichts-neues-folgen-artikel10729617

Nun hat es bereits seit Jahren etliche Gespräche gegeben. Deshalb hier #nochmal wesentliche Punkte zusammengefasst für die merkbefreiten Politiker*innen, die sich wundern, warum in der Möchtegern-Kulturhauptstadt Chemnitz Kulturveranstaltungen den Bach runtergehen:

  1. Es sind nur 5% der städtischen Kulturmittel für die Freie Kulturszene vorgesehen. 95% fließen in städtische Einrichtungen wie Theater und Kunstsammlungen. Die 2,8 Mill. Mittel für die Freie Szene sind fast vollständig für jahrzehntealte Projekte verplant, darunter Schwergewichte wie das Kraftwerk (Zuschuss 267.000 € Kultur + 509.950 € Sozialmittel), das Mozartfestival (Zuschuss 170.000 €) oder das Schlingelfestival (Zuschuss 200.000 €). Ein Teil davon wird zudem für öffentliche Sammlungen zweckentfremdet, so fließen 474.000 € in die Neue Sächsische Galerie und davon dann ein Großteil als Miete an die GGG. Forderungen der Kulturschaffenden nach einer Änderung wurden in der letzten Haushaltssitzung parteiübergreifend abgebügelt. Es fehlen dieses Jahr 1,4 Millionen! Neue Projekte finden da einfach keinen Platz oder werden auf Summen zusammengekürzt, die keinerlei Weiterentwicklung ermöglichen.

  2. Die Beantragungsfristen sind zu lang und die Mittelzuweisung ist zu unsicher, um verbindliche Verträge abschließen zu können. Wem es jetzt zum Beispiel im Juli einfällt, im nächsten Jahr ein Festival zu veranstalten, kann dieses erst im Folgejahr beantragen und erhält erst nach 1,5 Jahren und damit nur wenige Monate vor dem Festival Bescheid, ob er überhaupt etwas bekommt. Gerade jüngere Leute, die sowas vielleicht neben Studium oder Ausbildung machen, sind dann schon wieder weg. Wenige Monate vor einem Festival lassen sich auch keine Künstler*innen mehr buchen und kein stabiles Orgateam aufbauen. Da nützt auch ein "Feuerwehrtopf" nichts, außer man will Feuer legen, um es dann öffentlichkeitswirksam zu löschen.

  3. Erst nach fünf Jahren erfolgreicher kontinuierlicher Arbeit ist möglich, institutionelle Förderung zu beantragen, die jährlich ungefähr gleichbleibende Mittel (bei steigenden Kosten) und damit etwas Planungssicherheit verspricht. Die ist nur eine Scheinsicherheit, da je nach politischer Witterung Änderungen erfolgen können und dann bei größeren Festivals Defizite von hunderttausenden Euro entstehen können, für die dann jemand (privat) haften muss. Während für städtische Gesellschaften mit ihren nach Tarif bezahlten Festivalorganisatoren ein Verlustausgleich aus der Stadtkasse erfolgt, zahlen Ehrenamtlerinnen Verluste aus eigener Tasche. Verluste entstehen dabei vielfach aus unerwarteten und kurzfristigen Auflagen der städtischen Ämter. Seitens der Ämter wird bei Ehrenamtlerinnen kein Unterschied gemacht, ob Gewinnerzielungsabsicht da ist oder nicht, wohl jedoch, ob die städtische Gesellschaft etwas will oder nicht. Städtische Gesellschaften können auch eine Kostenlos-Kultur etablieren, während von Ehrenamtler*innen Einnahmen und ein finanzieller Eigenanteil erzielt werden soll.

  4. Die Abkürzung zur schnellen Förderung führt ausschließlich über die CWE oder die Oberbürgermeisterin. Dort darf man sich Leuten unterordnen, die nicht den blassesten Schimmer von Kunst und Kultur (oder Sport) haben, sondern Kreative als nützliche Idioten für das Eigenmarketing sehen. Zudem begibt man sich in undemokratisches Fahrwasser, da hier Mittel ohne demokratische und schlimmstenfalls ohne rechtliche Legitimation abgezweigt werden. Der verschwundenen Millionen beim CFC lassen grüßen.

  5. Beim Netzwerk für Kultur- und Jugendarbeit handelt es sich um eine städtisch finanzierten Verein, der nur scheinbar die Interessen der Kulturschaffenden vertritt und stattdessen den Kulturschaffenden erklärt, warum die Verwaltung alles richtig macht und wie man sich am besten in den Irrsinn eingliedert und unterordnet. Eine vermeintlich wohlwollende Kulturstadträtin verschleppt die Ausgliederung der Neuen Sächsischen Galerie nun seit über zwei Jahren, wodurch der Freien Szene mittlerweile Mittel von 1 Mill. Euro verloren gegangen sind.

  6. Angeblich wird seit 2018 einer neuen Förderrichtlinie gearbeitet, allerdings finden keine Gespräche mit den (gescheiterten) Festivalmachern statt, was denn deren Anforderungen sind. Die Frage ist, wer dazu überhaupt Zeit hat, da das Kulturbüro hoffnungslos unterbesetzt ist und nebenher noch die Bewerbung zur Kulturhauptstadt stemmen muss. Da nicht mal der Kulturbeirat informiert wird, passiert da wahrscheinlich gar nichts und man versucht sich mit Ausreden über die Zeit zu retten.

  7. Wenn Geld fließt, entstehen auch in der Szene Befindlichkeiten. Auf der einen Seite müssen Headliner und Agenturen teilweise sehr gut bezahlt werden, auf der anderen Seite opfern Ehrenamtler*innen ihren Sommerurlaub und investieren einen Teil der Gehälter anderer Jobs. Wenn Festivals größer und die Summe derer, die daran verdienen wollen, größer werden, entsteht bei nicht wenigen ein Gefühl der Ungerechtigkeit einhergehend mit mangelnder Motivation, die Sache noch zu unterstützen. Auch hier muss ein fairer Ausgleich gefunden werden. Manchmal reicht eine Anerkennung während der Lebenszeit, ein Oje zur Beerdigung ist zu wenig. Besonders schädlich sind Stimmen aus der Szene selbst, die damit angeben, sie hätten alles wirtschaftlich oder ehrenamtlich gestemmt, und man solle sich nicht so anstellen, wo sich dann herausstellt, dass ihre eigenen Stellen und die Infrastruktur verdeckt querfinanziert werden.

Die Oberbürgermeisterin und deren bedauerliche Nachfolgerinnen sitzen seit Jahren im Stadtrat und tun jetzt überrascht. Wieso wissen das jetzt angeblich erfahrene Politikerinnen nicht, tun jetzt ahnungslos und führen Presse und Kulturschaffende weiter an der Nase herum? Wenn man es wirklich ernst meint, können schon in der nächsten Stadtratssitzung (parteiübergreifende) Anträge zur Verbesserung der Situation gestellt werden. Man muss es nur wollen! Vielleicht erhält aber auch der anhaltende Missstand die eigene Bedeutung.

Ursprünglich auf Facebook am 15.02.2020 veröffentlicht.

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