Chemnitzer Nahverkehr bleibt bei Google unsichtbar

· Verkehr & Mobilität, Verwaltung & Stadtrat, Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft · 9 Min. Lesezeit · Artikel 344 von 492

#Chemnitz #CVAG #Mobilität #OpenData

Die Chemnitzer Stadtratsfraktion DIE LINKE hat gestern mit Unterstützung der SPD und CDU/FDP verhindert, dass die Bus- und Straßenbahnfahrpläne der Chemnitzer Verkehrs AG/Verkehrsverbund Mittelsachsen in der angehenden Kulturhauptstadt Chemnitz ("Stadt der Moderne") zu Google Maps übertragen werden. Damit wird Chemnitz und ganz Mittelsachsen weitere Jahre nicht mit seinem Nahverkehrsangebot auf der am häufigsten genutzten Navigations-App der Welt vertreten sein und der CVAG werden weiterhin Verluste im Millionenhöhe entstehen. Willkommen in der Steinzeit. Die Begründung war, Google möge sich die Daten doch selbst holen und bestenfalls noch Meta-Daten der Google-Nutzenden für die Verkehrsplanung der "Smart City" Chemnitz zurückliefern. Außerdem kann man sich ja mehrere Apps installieren und am liebsten will man eine eigene Verkehrs-App bauen, die besser als Google Maps ist. Aha, wenn die Hybris zu groß wird, verstellt die den Blick auf die Realität.

Fahrplandaten holt sich Google nicht, weil die CVAG bzw. der VMS eben als Verkehrsunternehmen aktiv und offiziell bei Google anmelden und die Daten übertragen muss. Das Datenformat ist nicht kompliziert. Bei Vorliegen der Rohdaten und Struktur bekommt sowas jede/r talentierte Programmierer/in innerhalb von paar Tagen hin. Meta-Daten bekommt man von Google nicht, da sich auch anonymisierte Meta-Daten leicht missbrauchen und auf einzelne Personen zurückführen lassen.

Die SPD und CDU/FDP waren übrigens auch dafür, Google keine Daten zu übertragen, so dass Touristen, Besucher/innen und den Chemnitzer Bürger/innen weiterhin ausschließlich Autofahrten bzw. für den Fernverkehr Flixbus empfohlen werden. Hoffentlich benutzen die vielen Stadträtinnen und Stadträte, die dagegen gestimmt haben, kein Google-Smartphone und keine Google-Suche und werden nie wieder mit Google Maps navigieren. Der Konzern, der Finden von Informationen und Wissen für jeden ermöglicht, ist ja so böse und Apple baut ja auch gute Smartphones. Wenigstens wurde Open Data zugestimmt. Die gleichen Fraktionen schlafen diesbezüglich seit 11 Jahren übrigens auch im Aufsichtsrat der CVAG, die pro Jahr über 20 Millionen Verlust macht und aus den Gewinnen der eins energie durch hohe Strom-, Gas- und Fernwärmepreise querfinanziert wird.

Hier der von mir eingereichte Beschlussantrag:

Die Stadtverwaltung wird beauftragt bei der CVAG und dem VMS Einfluss zu nehmen, dass die Haltestellen- und Fahrplandaten des öffentlichen Nahverkehrs als Open Data bereitgestellt und an einschlägige Dienste wie Google Maps übertragen werden.

Begründung: In Chemnitz wird oft und gern beklagt, dass ein richtiger Anschluss an den Bahnverkehr fehlt und dass jede/r mit dem Auto fährt. Zur Reiseplanung benutzen Reisende fast immer Google Maps. Google Maps ist weltweit auf jedem zweiten Smartphone installiert und hat seinen Einzug in Navigationssysteme gefunden. Über 50 Millionen Deutsche haben Google Maps auf dem Smartphone. Nahezu jeder Reisende aus dem Ausland nutzt es, um sich in fremden Städten zu orientieren. Jeder zweite Autofahrer nutzt es zur Navigation. Weltweit nutzen 1 Milliarde Menschen Google Maps zur Orientierung. Google Maps kennt allerdings das öffentliche Verkehrsangebot von Chemnitz nicht, weil die Chemnitzer Verkehrs AG bzw. dem Verkehrsverbund Mittelsachsen seit 2007 die Daten nicht bereitstellt.

Als Gründe wurden unter anderem von verschiedenen Personen genannt - Es ist zu aufwändig, Änderungen zu übertragen (CVAG-Sprecher Stefan Tschök) - Man möchte keine Daten zu Google übertragen, weil das ein großer Anbieter ist (CVAG-Vorstand Jens Meiwald) - Der Verantwortliche bei der CVAG ist sich nicht sicher, ob die CVAG die Datenhoheit über ihre eigenen Zeittafeln hat, weil die von einem Dienstleister entwickelt werden, der diese Funktionalität wohl extra verkauft (Hinweis von einem Diskussionsteilnehmer im Internet)

Die Folge: Chemnitz ist seit mehr als einem Jahrzehnt digital unsichtbar, was sich direkt auf die Wahl der Verkehrsmittel und die Touristenzahlen auswirkt. Wenn nach Chemnitz außer dem Auto nichts hinfährt, lässt man diesen Ort bei der Urlaubsplanung vielleicht einfach weg.

Die Fahrplanauskunft CVAG-Webseite, deren Fahrplanauskunft auf mobil.vms.de weiterleitet, ist leider keine Alternative. Bei Eingabe von "Hauptbahnhof" wird eine endlose Liste von Städten angeboten. Eine Karte fehlt. Mehrsprachigkeit ist ebenfalls nicht vorhanden. Die Chemnitzer Autofahrer bekommen beim Navigieren ebenfalls keine Alternativen angeboten, so dass sie weiterhin mit dem Auto fahren. Vielleicht jammern deshalb so viele über fehlende Bus- und Bahnverbindungen. Es gibt sie, aber man weiß es einfach nicht. Wer vom Chemnitzer Rathaus zur Chemnitzer Messe will, der soll laut Google Maps 45 Minuten zu Fuß laufen. Auf den Fernverkehr wirkt sich das auch gleich aus. Wer nämlich nicht nur von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof navigiert, sondern z.B. vom Flughafen Dresden zu Chemnitzer Messe will, der bekommt auch keine Verbindung mit der Deutschen Bahn angezeigt. Die Deutsche Bahn übertragt ihre Daten übrigens mustergültig an Google Maps. Dadurch das der VMS allerdings keine Daten überträgt, fällt auch der Hinweis auf die Bahnverbindung weg. Viel weiter sind da Dresden und Leipzig, wo sowohl Haltestellen als auch Fahrpläne in Google Maps zu finden sind. In der App der Dresdner Verkehrsbetriebe sind sogar die Chemnitzer Verbindungen zu finden. Hier erhält man schnell und übersichtlich Auskunft. Wenn die Zahlungsfunktion noch funktionieren würde, könnte die Dresdner Verkehrsbetriebe sogar sehr komfortabel die Tickets der CVAG verkaufen. Ebenso gibt es eine "Öffi-App", die privat entwickelt wird und welche die Daten des kompletten VMS enthält. CVAG-Vorstand Jens Meiwald vermutet, dass andere Dienste die Fahrpläne der CVAG einscannen.

Die Verluste durch digitale Unsichtbarkeit könnten sich also in den vergangenen 11 Jahren digitaler Enthaltsamkeit auf mehreren Millionen Euro summiert haben, die derzeit durch die Gewinne aus Strom- und Fernwärmepreisen und zukünftig stärker aus dem städtischen Haushalt querfinanziert werden.

Vereinfache Musterrechnungen: * Wenn man von täglich knapp 1.500 Touristen in Chemnitz auch nur 1 Euro mehr für den ÖPNV erzielen kann, summiert sich das bereits auf 547.500 Euro Einnahmen für den Nahverkehr pro Jahr (der Einzelfahrschein kostet übrigens 2,20 Euro). * Wenn man durch einen solchen Service nur 1% der über 120.000 Chemnitzer PKW durch eine Monatskarte ersetzt, würde dies zu Zusatzeinnahmen von 803.520 Euro pro Jahr führen. * Bei 247.470 Einwohnern ergeben sich statistisch 890.892 Wege pro Tag. Bei 7,1 km pro Weg sind das 6.325.333 zurückgelegte Kilometer pro Tag. Davon werden 56%, d.h. 498.899 Fahrten mit dem PKW zurückgelegt. Wenn für angenommen 5% der Wege vorher mit Google Maps der beste Weg ermittelt wird und wenn sich anschließend nur 10% dieser suchenden 5% für eine Einzelfahrkarte (Hinweg) des ÖPNV entscheiden, so würde dies Einnahmen ca. 2 Millionen Euro jährlich für die CVAG bedeuten. Ohne Zusatzkosten, ohne zusätzliche Linien, Busse und Bahnen.

Das Problem hat übrigens auch das Chemnitzer Umland. Städte und Dörfer im Geltungsbereich des VMS sind derzeit nur per Auto erreichbar. Da von der Geschäftsleitung und dem Sprecher des CVAG eine ablehnende Haltung kundgetan wurden und ebenfalls eine ablehnende bzw. niedrig priorisierte Haltung des VMS angedeutet wurde, ist ein Handeln der Aufsichtsräte und Gesellschafter erforderlich.

Um andere Anbieter und Entwickler von Mobilitäts-Apps nicht zu benachteiligen und die Einbindung in Mobilitätsketten sicherzustellen, sollen die Daten auch als Open Data bereitgestellt werden. Eine Orientierung kann das Open Data Angebot der Deutschen Bahn sein https://developer.deutschebahn.com/store/

Falls der VMS nicht zur kurzfristigen Digitalisierung der eigenen Daten in der Lage ist, besteht ggf. auch die Möglichkeit, diese von den Dresdner Verkehrsbetrieben oder der Deutschen Bahn zu kaufen, was allerdings ein Armutszeugnis wäre.

Ursprünglich auf Facebook am 29.11.2018 veröffentlicht.