Historienstelen werden zum Millionenloch

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Verwaltung & Stadtrat, Energie & Versorgung · 8 Min. Lesezeit · Artikel 345 von 492

#Chemnitz #Innenstadt #Stadtentwicklung #Finanzen

Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig nebst "ihrem" Bürgermeisteramt mit "Pressestelle" scheitert weiterhin an den einfachsten Aufgabenstellungen und wirft mal eben die nächste Million Euro für ein aufgeblasenes Prestige-Projekt aus dem Fenster. Damit ist nicht die Kulturhauptstadtbewerbung gemeint, sondern geplante 16 elektronische Anzeigetafeln mit absurdem Stromverbrauch.

Am 28.10.2015 schlug der Stadtrat nach der Anregung durch Sandro Schmalfuß die Aufstellung von Informationsstelen in der Innenstadt vor. Diese sollen historische Situationen, Fotos der unzerstörten Innenstadt um 1930, sowie nach den Zerstörungen und die weitere Entwicklung in der DDR zeigen. Die aktuelle Situation sieht man zum Vergleich vor Ort. Die Stelen sollen die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit der Tradition ihrer Stadt stärken und für eine positive Image-Entwicklung bei überregionalen Besuchern sorgen. Damit der Antrag nicht gleich an den Kosten scheitert, hatten wir preiswerte Vorschläge unterbreitet (Kosten wenige hundert Euro pro Stele) und die Aufstellung an 13 Standorten vorgeschlagen. Der Antrag wurde einstimmig beschlossen.

Bis zur Chemnitzer 875-Jahr-Feier im Jahr 2018 sollten die ersten fünf Stelen aufgestellt sein. Die Verwaltung sollte dazu ein Konzept erstellen. Das Konzept wurde dann über ein Jahr später, nämlich am 7.12.2016 dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt. Von der Verwaltung vorgeschlagen wurde ein künstlerisch gestaltetes Design mit Beleuchtung, ggf. mit Einbindung von Audio und Video. Aus wenigen tausend Euro für das gesamte Projekt waren zu diesem Zeitpunkt schon 163.000 Euro für mittlerweile 16 Stelen geworden. Allein für die Öffentlichkeitsarbeit für ein "Onlineprojekt" waren 8.000 Euro eingeplant. Folgekosten für Wartung und Beleuchtung waren ausdrücklich einzubeziehen. Zur Gewinnung von Sponsoren sah sich die Verwaltung nicht in der Lage, man wollte aber offen sein, wenn sich jemand meldet. Wiederum wurde einstimmig zugestimmt.

Über ein Jahr später, am 5.3.2018 wurde eine Stele in der Nähe des Chemnitzer Südbahnhofs eingeweiht. Diese erinnert an die Bombardierung von Chemnitz im Zweiten Weltkrieg. Eine Pressemitteilung oder Einladung der Stadträtinnen und Stadträte erfolgte nicht, wohl aber ein Treffen der Oberbürgermeisterin mit Zeitzeugen. Am 22.3.2018 wurde eine zweite Stele eingeweiht. Hier erfolgte eine Einladung zum Fototermin für die Presse. Eine Einladung an die Stadträtinnen und Stadträte erfolgte wiederum nicht. Weitere Stelen wurden entgegen dem Stadtratsbeschluss bis heute nicht aufgestellt oder es wurde vielleicht nur nicht darüber berichtet.

Nun sind bereits für die beiden aufgestellten Stelen Kosten von über 70.000 Euro angefallen. Jede weitere Stele soll jeweils mindestens 10.000 und bis zu 35.000 Euro kosten. Gesamtkosten also irgendwo 210.000-560.000 Euro. Eine Stele verbraucht 345 Watt (bei sommerlichen 25 °C, bei Kälte mehr), was einem Jahresverbrauch von reichlich 3.000 kWh entspricht und bei 0,28 € pro kWh Kosten von 840 Euro pro Stele/Jahr bzw. 13.440 Euro pro Jahr für alle 16 Stelen. Das sind in 10 Jahren mit den üblichen Preissteigerungen nochmal 150.000-250.000 Euro nur für Strom. So lange halten die Displays und Rechner aber sowieso nicht durch. Nach maximal sechs Jahren Dauerbetrieb (eher nach drei) sind die vom Hersteller optimistisch angegebenen 50.000 Betriebsstunden erreicht. Die Garantie beträgt aber sowieso nur zwei Jahre, einen Wartungsvertrag hat man nicht abgeschlossen und sich auch nicht über anstehenden Kosten informiert. Nach 10 Jahren und den anstehenden Reparaturen wird man irgendwo bei über einer Million Euro rauskommen, will man die Stelen am Laufen halten, statt wenigen tausend, wie es der ursprüngliche Beschlussantrag aus dem Jahr 2015 vorsah. Das ist ungefähr so viel wie das komplette Budget für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt. Nach drei Jahren Hantierens und "Nachdenkens" ein Armutszeugnis für die Verwaltung.

Mit dem "künstlerischen Entwurf" wurden Werbeagenturen betraut. Eine achtköpfige "Jury" aus Verwaltungsmitarbeitern hat darüber entschieden, was der beste künstlerische Entwurf ist. Die Inhalte werden trotz 8.000 Euro für das "Onlineprojekt" nicht im Internet verfügbar gemacht und sind nicht unter Creative Commons (d.h. durch jeden frei zu verwenden) lizenziert. Laut Auskunft sind die Inhalte gar nicht lizenziert (und dürften nicht mal legal auf den Geräten laufen). Trotz Internetanschluss hat die Stele auch keinen Freifunk, so dass der Marktplatz trotz weiter ohne freies WLAN auskommen muss (obwohl die Verwaltung die Freifunk-Initiative unterstützen soll - auch hier gibt es einen Stadtratsbeschluss). Moderne Bedienung mit Gestenerkennung ist Fehlanzeige. Das hat man angeblich alles nicht gemacht, weil das im Stadtratsbeschluss nicht drinstand, den die Verwaltung selber formuliert hat. Dummheiten werden gerne auf den Stadtrat abgeschoben, der fahrlässigerweise davon ausgeht, beim Auftragnehmer gäbe es sowas wie gesunden Menschenverstand.

Fazit: Das Bedienung stammt aus dem letzten Jahrhundert und ist immer unhygienisch verschmiert, die Software läuft instabil und die Stelen verbrauchen Unmengen Strom. Angezeigt werden hauptsächlich Fotos und Texte, die auch prima auf eine Tafel gedruckt werden können, die keine Betriebskosten hat und nur aller paar Jahre mal mit einem feuchten Lappen abgewischt werden muss. In ein paar Jahren ist das alles kaputt und niemand will mehr die Wartung übernehmen (schöne Grüße vom kaputten millionenteuren Parkleitsystem). Die Gesamtkosten sind absurd und nicht vertretbar.

Der Oberbürgermeisterin ist weiterhin herzlich egal, was der Stadtrat erreichen will und ob die Lösungen in Zukunft tragen. Vielleicht kann sie es auch nicht besser und umgibt sich mit unfähigen Beratern und Beraterinnen. Es geht wahrscheinlich vor allem um den Glanz des Augenblicks. Den meisten Stadträtinnen und Stadträten scheint es zudem herzlich egal zu sein, ob und wie Beschlüsse umgesetzt werden. Nach Jahren erinnert man sich ja vielleicht nicht mal daran, was man seinerzeit wollte und wundert sich nur noch, warum die Innenstadt merkwürdig ist und alles nicht richtig funktioniert. Außerdem ist man ja so vieles gewöhnt, dass auch dieser Mist niemanden mehr überrascht und man sich freut, dass es nicht komplett schiefgegangen ist. Selbiges Versagen ist leider auch bei richtigen Großprojekten zu beobachten, zum Beispiel beim "Regenüberlaufbecken (RÜB)", weswegen die halbe Innenstadt umgegraben werden sollte und welches nach jahrelangen Planungen und einer Kostenexplosion auf Geheiß der Oberbürgermeisterin abgesagt wurde. Die Umweltbehörden werden da aber nicht mitmachen und das Ding wird wieder auf der Tagesordnung erscheinen. Kosten dann 100 Millionen Euro. Sage niemand, er habe davon nichts gewusst.

Die Kulturschaffenden der Stadt dürfen sich inzwischen weiter ehrenamtlich den A... für das Image der Stadt aufreißen, Leistungen werden nicht gewürdigt und an anderen Stellen wirft die Oberbürgermeisterin das Geld für übertriebene Prestige-Projekte raus, wo jede/r irgendwie merkt, dass da irgendwas nicht stimmt.

Statt dass das Bürgertum mal gegen schwachsinniges Verwaltungshandeln auf die Straße geht oder zumindest vorher mal mit ihren gewählten Vertreterinnen und Vertretern im Stadtrat ein ernstes Wörtchen redet, damit die mal ihrer Aufsichtspflicht nachkommen, thematisiert jeden Freitag eine minderbemittelte und leicht beeinflussbare Meute irgendwelche weltpolitischen Flüchtlings- und Merkelprobleme unter dem Marx-Kopf und legt die Innenstadt lahm. Fahrt nach Berlin oder Brüssel. Dieser Schwachsinn wird sonst zusammen mit dem Verwaltungsversagen in die Geschichtsbücher eingehen und kommende Generationen mit einem leichten Schaudern über so viel Arroganz und Dummheit unterhalten.

Ursprünglich auf Facebook am 22.11.2018 veröffentlicht.