Chemnitz zwischen Moderne und Dunkeldeutschland

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Kultur & Kulturhauptstadt, Verwaltung & Stadtrat · 5 Min. Lesezeit · Artikel 355 von 492

#Chemnitz #Sonnenberg #Rechtsextremismus #SächsischeVerhältnisse

Kleine Nachlese zum Thema "Wie konnte das passieren?" in der Berliner Zeitung vom 28.10.18

An der Autobahn preisen große Werbetafeln Chemnitz als "Stadt der Moderne" an. Im Jahr 2025 will man europäische Kulturhauptstadt werden. Es gibt eine Technische Universität, die auch im Ausland einen ausgezeichneten Ruf besitzt, die großartigen Kunstsammlungen der Stadt ziehen Besucher aus der ganzen Welt an. Noch bis vor kurzem spekulierte Chemnitz darauf, nach Dresden und Leipzig die kommende Boomtown in Sachsen zu werden. Nun steht der Name der Stadt als weiteres Synonym für Dunkeldeutschland. Wie konnte das passieren?

"Ja, nun staunen alle und rufen 'Oh Gott, oh Gott'", spottet Lars Faßmann. "Dabei bricht jetzt nur hervor, was man jahrelang übertüncht hat und niemand auf Landes- und kommunaler Ebene wahrhaben wollte: Eine immer gewalttätigere rechte Szene und eine Politik, die den alltäglichen Erfordernissen nicht gerecht wird und die Bürger von den Parteien entfremdet." Faßmann, 41, ein blonder Lockenkopf, sitzt hinter seinem Laptop auf einem Sofa im Klub Lokomov, einem linken Kulturzentrum im Stadtteil Sonnenberg. Die Gegend ist das, was man einen "sozialen Brennpunkt" nennt. Verfallende Altbauten und leerstehende Läden, Arbeitslose und Geringverdiener, Migranten, Rechte und Linke. Die Polizei fährt hier häufiger Streife als anderswo, und doch knallt es immer mal wieder.

Auch am Lokomov, das in den letzten Jahren immer mal wieder mit Steinen und Böllern "entglast" wurde. Das Haus gehört Faßmann wie auch zwei Dutzend weitere Altbauten in der Stadt. Der Unternehmer, der eine weltweit erfolgreiche IT-Firma betreibt, hat in den vergangenen Jahren leerstehende Wohngebäude erworben und einige davon an Studenten vermietet. Die jungen Leute sollten die Wohnungen nach ihren Vorstellungen umbauen und sanieren, dafür brauchen sie keine Miete zu zahlen.

Erst kürzlich hat Faßmann eine ehemalige Fabrikhalle in der Nähe des Bahnhofs erworben, die sich eignen würde für Künstler und Kulturprojekte. Eine Investition in die Zukunft der Stadt, so nennt er das. Denn wenn Chemnitz einmal Boomtown wird, dann werden auch wieder die Wohnhäuser gebraucht, die jetzt noch leer stehen. Aber ist der Traum nicht ausgeträumt nach all den Negativschlagzeilen über die Stadt?

"Im Gegenteil", sagt Lars Faßmann. "Aus Marketingsicht könnte man das jetzt sehr gut nutzen. Plötzlich kennt jeder Chemnitz. Da muss man anknüpfen und versuchen, das ins Positive zu drehen." Jetzt sollte die Stadt Geld lockermachen und weiteres bei Stiftungen einsammeln, um es in zivilgesellschaftliche und kulturelle Projekte zu stecken. Mit einer ordentlichen Kommunikation nach außen ließe sich auf diese Weise das Image korrigieren.

Faßmanns Elan und Begeisterung wirken ansteckend. Erst einmal – bis er selbst enttäuscht abwinkt und sagt: "Mit dieser Stadtverwaltung funktioniert das jedoch nicht. Die schrecken engagierte Bürger mit ihrer Bürokratie eher ab, die sich dann enttäuscht zurückziehen." Er selbst sei oft genug mit seinen Ideen und Vorschlägen im Stadtrat, wo er der gemeinsamen Fraktion von Piraten und Volkssolidarität angehört, abgeblitzt. Ob Themen wie Digitalisierung, Kulturprojekte, Stadtplanung – "wenn du diesem Rathaus mit neuen und kreativen Ideen kommst, dann erntest du nur verständnislose Reaktionen", sagt er.

Dieses Festhalten an alten Handlungsmustern stoße die Bürger inzwischen ebenso ab wie das konsequente Ausblenden der erlebten Realität, davon ist Lars Faßmann überzeugt. "Zum Beispiel die Kriminalität: Wir haben ein Drogenproblem, Chemnitz ist die Stadt mit dem höchsten Verbrauch an Crystal Meth. Darüber redet hier niemand. Und natürlich haben wir mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen auch mehr Kriminalität in der Innenstadt, was jeder in Chemnitz mitbekommt. Aber der Polizeipräsident stellt sich hin und sagt: Die Kriminalität geht zurück."

Die Folgen? Die Menschen hätten jegliches Vertrauen in die Politik verloren und liefen denen hinterher, die einfache Erklärungen anböten, aber keine Lösungen, sagt Faßmann. "Immer mehr Menschen da draußen, auch gebildete, sind inzwischen überzeugt, dass die Flüchtlinge nach Deutschland kommen, um uns zu töten und das Land zu übernehmen. Verrückt ist das."

Ursprünglich auf Facebook am 29.10.2018 veröffentlicht.