CFC-Ausgliederung zum Schnäppchenpreis

· Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft, Verwaltung & Stadtrat · 11 Min. Lesezeit · Artikel 360 von 492

#Chemnitz #Stadtwirtschaft #Finanzen #Sport

Der 100-Millionen-Euro-Raub zu Chemnitz oder: Wie bekommt man ein Profifußballteam für einen Äppel und ein Ei

Die Enteignung des Chemnitzer FC geht mit der Ausgliederung des Profibereichs in die vorletzte Runde. Nachdem man dem Verein erst das Stadion und dann das Erbbaurecht vom Grundstück weggenommen hat, ist nun der Profibereich samt Marke dran. Jetzt werden erstmal nur 49% an die "Investoren" zum günstigen Regionalliga-Kaufpreis verkauft, welche die Misere vorher als Aufsichtsräte, Ehrenräte oder Vorstände verbockt haben. Der Kaufpreis fließt allerdings direkt in die Aufwertung des verkauften Profibereichs, d.h. komplett ins Investitionsobjekt und damit sofort zur Hälfte an die Käufer zurück. Die restlichen 51% des Kapitalanteils holt man sich im Nachgang, wenn die nächste schon absehbare Unterdeckung entsteht und der insolvente Verein seiner Nachschusspflicht nicht nachkommt. Da der Verein noch über Jahre weiter teuer insolvenzverwaltet werden soll, wird die komplette Enteignung recht schnell passieren, da ja nur der ausgegliederte Bereich Einnahmen erzielt oder anfangs auch mal nicht erzielt und der Verein stattdessen nur mit den Mitgliedergebühren über die Runden kommen muss. Überraschung, wer hätte das geahnt. Der Verein wird dann nur noch für die Zuführung von zahlenden Zuschauern gebraucht. Bei Aufstieg in die dritte bzw. zweite Liga verfünf- bis zehnfacht sich dann der Wert der Anteile jeweils und die cleveren Unternehmer haben ein gutes Geschäft gemacht. Dagegen machen können die Vereinsmitglieder gar nichts, denn die komplizierte Satzungskonstruktion erlaubt keine direkte Wahl des Vorstands oder des Aufsichtsrats und der Insolvenzverwalter macht sowieso, was er für nützlich hält. Da erhalten auch schnell mal der kritische Vorstand oder aufmüpfige Mitglieder vom Insolvenzverwalter Stadionverbot.

Doch nicht nur der Verein mit seinen 2.700 Mitgliedern wird ausgebootet. Auch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Chemnitz, Fußballfans oder nicht, dürfen fleißig mitzahlen. Im Ende 2011 wird unter dem üblichen Vorwand der Alternativlosigkeit und in Zeiten schmerzhafter Sparprogramme für alle anderen per Stadtratsbeschluss ein später knapp 30 Millionen teures Stadion beschlossen, welches seit 2014 gebaut und Mitte 2016 eröffnet wird und dessen Pacht und Betriebskosten von 680.000 Euro pro Jahr sich der Verein von vornherein nicht leisten kann. Wirtschaftliche Prüfung der Buchhaltung des CFC im Vorfeld - Fehlanzeige, hat niemand gemacht. Gebaut ist das Stadion als reines Fußballstadion, damit niemand anderes Nutzungsansprüche erheben kann, wenn es mal nicht so läuft. Warnende Stimmen im Stadtrat werden ignoriert, 22.000 Unterschriften und eine brüllende Menschenmenge vor dem Ratssaal überzeugen auch Unschlüssige wider der kaufmännischen Vernunft. Gegner werden ausgebuht. Blühende Landschaften sollen um das Stadion entstehen, der Sport soll gefördert werden und die Stadt überregional in die Schlagzeilen kommen. Letzteres wird tatsächlich passieren. Der Verein ist hingegen bereits seit 2014 finanziell schwer angeschlagen und seit Anfang 2016 und damit noch vor Eröffnung des Stadions pleite. Mangels ordnungsgemäßer Buchführung weiß man das aber nicht und geht mit absurden Ausgaben für Catering und Kader nochmal in die Vollen. Vielleicht wissen es einige auch schon in wollen nochmal richtig auf der Titanic tanzen. Ein Jahr später fällt auf, dass das alles Geld weg ist und die Außenstände riesig sind. Dem Verein werden Ende 2016 per Not-Stadtratssitzung vorzeitig die 1,26 Millionen für das Erbbaurecht ausgezahlt, die sofort in die Taschen der Gläubiger fließen. Warnende Stimmen im Stadtrat werden wieder ignoriert, unter anderem, dass im Falle der Insolvenz das Erbbaurecht gar nicht ausgezahlt werden müsse. Ein eilig und unter großer Geheimhaltung erstelltes Gutachten eines Wirtschaftsprüfers weist hohe Risiken aus. Nur wenige Stadträte sehen es überhaupt ein. Die Insolvenz ist zu diesem Zeitpunkt schon gegeben, nur will unter künstlich erzeugtem Zeitdruck grob fahrlässig oder vorsätzlich niemand die kompletten Bücher sortieren. Die "positive Fortführungsprognose", die eigentlich Voraussetzung für die Auszahlung war, liegt bis heute nicht vor. Ratsanfragen dazu werden von der Oberbürgermeisterin abgeblockt. Ein von der CDU geforderter Untersuchungsausschuss wird abgelehnt. Wahrscheinlich bewegt man sich hier schon im strafrechtlichen Bereich der Insolvenzverschleppung und Untreue und versucht, entsprechenden Ermittlungen aus dem Weg zu gehen.

Zur gleichen Zeit zahlt der Energieversorger und Hauptsponsor eins energie noch einen Kredit von 1,5 Millionen Euro aus, der ebenfalls sofort an die Gläubiger abfließt. Das Fatale dabei: eins energie hatte damals auf Anweisung der Oberbürgermeisterin zusammen mit der GGG das Finanzcontrolling und die Geschäftsbesorgung übernommen und hätte bei korrekter Arbeit und vor Kreditauszahlung bereits wissen müssen, dass der Verein pleite ist und die 1,5 Millionen lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein sind (im Insolvenzverfahren wurden 6,2 Millionen Euro Forderungen geltend gemacht). Dazu kommt noch, dass wahrscheinlich bereits zu diesem Zeitpunkt eine Insolvenzverschleppung vorlag und eins energie und die GGG sowie deren Geschäftsführung im schlimmsten Fall sowohl strafrechtlich als auch zivilrechtlich haften und für die Schäden der Gläubiger aufkommen müssen. eins-Geschäftsführer Marquard hat dieses Risiko schnell erkannt und ist als Vorstand nach wenigen Monaten im Mai 2017 zurückgetreten, im November 2017 folgte GGG-Geschäftsführerin Kalew mit einem Rücktritt aus dem Aufsichtsrat. Von der Haftung entbunden sind beide damit jedoch nicht. Die Karte, die Stadtverwaltung und die städtischen Gesellschaften und die Geschäftsführer wegen Insolvenzverschleppung heranzuziehen, hat der Insolvenzverwalter noch nicht offiziell gezogen, weil dann die komplette Ausgliederung in sich zusammen fällt. Ob das alle Gläubiger mitmachen, steht noch auf einem anderen Blatt. Momentan sieht es so aus. Das die Kreditauszahlung hinein in das schwarze Loch von der Geschäftsführung der eins freiwillig geschah, darf bezweifelt werden. Eine entsprechende Ratsanfrage hat die Oberbürgermeisterin nicht beantwortet.

Dieses Mitwissen der Insolvenz führte dann in der Gläubigerversammlung dazu, dass von den ursprünglichen Forderungen der eins energie von insgesamt 2,2 Millionen nur 150.000 Euro anerkannt und die Stimmrechte der eins damit soweit reduziert wurden, dass die Ausgliederung gegen den Willen von eins durchgezogen werden konnte. Freie Bahn für die Enteignung durch Nachlässigkeiten der Oberbürgermeisterin und des Stadtrats in der Vergangenheit.

Der Insolvenzverwalter trennte sich auch flugs von eins energie als Hauptsponsor, da eins gerne den Kredit über einen fragwürdigen Deal mit TV-Rechten zurückbekommen wollte. Letztendlich wird eins den Kredit über 1,5 Millionen und weitere Forderungen (insgesamt 2,2 Millionen) abschreiben müssen und die Gewinnausschüttung an die Gesellschafter, zu denen wiederum die Stadt Chemnitz gehört, fällt 2,2 Millionen Euro geringer aus. Am Ende tragen das also die Bürgerinnen und Bürger und die Strom-, Gas- und Wasserkunden. Weniger Probleme Einnahmen aus TV-Rechten abzutreten, hatte der Insolvenzverwalter mit dem von ihm neu eingesetzten Vorstand für Finanzen und Sport. Dem winken im Falle des Aufstiegs persönliche Millionengewinne.

Als letzten Streich schenken die leichtgläubigen Stadträte per Beschluss Mitte 2018 dem Insolvenzverwalter dann noch in vorauseilendem Gehorsam die jährlichen 180.000 Euro Pacht und 500.000 Euro Betriebskosten für das Stadion zugunsten einer sehr günstigen Tagesnutzungsgebühr, obwohl diese aus dem Geld für die Ausgliederung zu bezahlen wären und der Insolvenzverwalter selber hätte aktiv kündigen müssen. Warnende Stimmen werden wieder ignoriert und Nachforschungen abgelehnt, Beteiligungen an zukünftigen Erfolgen nicht mal in Betracht gezogen. Die Stadträte sitzen ja durch ihr bedenkenlosen Mitwirken an der selbstkonstruierten Zwangslage im selben Boot mit der Oberbürgermeisterin, die man eigentlich kontrollieren sollte, und schlechtem Geld wird gerne noch gutes hinterhergeworfen. Paar Tage nach dem harmonischen Auftritt von Vorstand und Insolvenzverwalter vor dem Finanzausschuss und dem Stadtrat lässt der Insolvenzverwalter seine Maske fallen und erwirkt Stadionverbote gegen den Vorstand, der ihm eben noch als Sympathieträger dienen durfte.

Schadensbilanz seit Eröffnung des Stadions vor 2 Jahren: Verein hat Stadion, Erbbaurecht, Profiabteilung und jahrzehntelang aufgebaute Markenrechte (Wert ca. 50 Millionen) verloren, Stadt hat 30 Millionen in ein nur für den Profifußball nutzbares Stadion investiert und muss dafür nun für 500.000 Euro Betriebskosten jährlich aufkommen, dazu kommen 1,26 Millionen für die voreilig ausgezahlte Erbpacht, die im Insolvenzfall gar nicht hätten gezahlt werden müssen. Eins hat 2,2 Millionen verloren und haftet zusammen mit der GGG im schlimmsten Fall für weitere 6,2 Millionen. Blühende Landschaften und Sportförderung sehen anders aus.

Wenn das ganze ein über mehrere Jahre dauernder Raubüberfall wäre, hätte man sich die Story nicht besser ausdenken können. Komischerweise musste bislang keiner der Verantwortlichen seinen Hut nehmen. Weder die Oberbürgermeisterin, welche sich nicht für wirtschaftliche Belange interessiert und die zur Rettung ihres "Ansehens" besseren Wissens eben mal so paar Millionen in eine Insolvenz gezahlt hat, noch die Stadträte, die allem zustimmen und keine Fragen beantwortet haben wollen. Schuld ist offensichtlich wieder mal niemand und die Bürgerinnen und Bürger sowie die Vereinsmitglieder sollen für das Vertuschen des Verschwindens von knapp 100 Millionen Euro büßen. In wessen Taschen diese Werte geflossen sind und wer sich dafür hat als Steigbügelhalter oder zur Aufhübschung der politischen Karriere hat benutzen lassen, sollte man sich genau anschauen. Das Kapitel der möglichen Insolvenzverschleppung bzw. Untreue bzgl. öffentlicher Mittel wird sicher für einige noch unangenehme Folgen haben.

Obige Ausführungen beruhen auf verschiedenen öffentlichen Berichten in der Presse und den Informationen aus den öffentlich einsehbaren Stadtratsbeschlüssen sowie Hintergrundrecherchen. Wer Ergänzungen oder andere Informationen hat oder zu anderen Recherche-Ergebnissen kommt, bitte unten in den Kommentaren.

Ursprünglich auf Facebook am 15.10.2018 veröffentlicht.