Chemnitzer Wachstumsjubel im Faktencheck

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft, Verwaltung & Stadtrat · 6 Min. Lesezeit · Artikel 385 von 492

#Chemnitz #Stadtentwicklung #Wirtschaft #Verwaltung

In der gestrigen Tagespresse verkünden Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig und Wirtschaftsförderer Sören Uhle als "Experten", dass ihre "Impulse bei der Stadtentwicklung Wirkung zeigen" und die Stadt Chemnitz von den Einwohnerzahlen her bald aus allen Nähten platzt.

Beim Fakten-Check stellt man jedoch fest, dass das alles gelogen und fernab jeglicher Realität ist. Das sogenannte Wanderungssaldo bei Chemnitzern mit deutscher Staatsbürgerschaft ist weiterhin negativ, d.h. es wandern weiterhin mehr Chemnitzer aus als zuziehen. Offensichtlich sind Impulse, die Menschen aus der Stadt vertreiben weiterhin größer als die, welche Menschen anziehen. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass die Geburtenzahlen weiterhin weit unter den Sterbezahlen liegen.

Bevölkerungswachstum entsteht ausschließlich durch Flüchtlinge, die sich Chemnitz noch nicht einmal ausgesucht haben, sondern hierher zugewiesen wurden. Was sollte außer Zwang Flüchtlinge in der Stadt halten, wenn diese auch in jeder anderen Stadt fremd sind? Hier stellt sich die Frage, was die Wirtschaftsförderung dafür tut, diese Menschen möglichst zügig in den Jobs auszubilden und zu integrieren, wo Arbeitskräfte dringend gesucht werden, z.B. in der Gastronomie oder am Bau, und damit zumindest deren drohende Abwanderung zu verhindern. Die aus dem städtischen Haushalt finanzierte Seite www.chemnitz-zieht-an.de listet derzeit 838 Stellenangebote. Darunter sind gerade mal vier für Tätigkeiten auf dem Bau und zehn in der Gastronomie plus drei Ausbildungsplätze - bei hunderten unbesetzten Stellen und Ausbildungsplätzen in diesen Bereichen. Der Wirtschaftsförderung fehlt der Kontakt zu den kleineren Unternehmen. Man konzentriert sich auf Elite-Jobs einer Handvoll Elite-Unternehmen. Mit viel Steuergeld wird eine Plattform gefördert, die letztendlich nur wenigen Firmen und Bürgern zugute kommt und an den Bedarfen von kleinen Firmen vorbeigeht. Kleinteiligkeit macht zu viel Arbeit. Es zählt der schöne Schein.

Stattdessen wird über die angeblich gute Lage der (wenigen) IT-Unternehmen zu sinniert, welche angeblich Löhne auf "West-Niveau" zahlen. Auch hier wird maßlos übertrieben. In vergleichbaren Städten "im Westen" verdient man als IT-Fachkraft wesentlich mehr (Quelle nettolohn.de). Die Löhne sind aber teilweise höher als in Leipzig und Dresden. Das liegt an den fehlenden Fachkräften, welche Chemnitz verlassen oder gar nicht erst ausgebildet werden. Als Ausgleich für das städtische Versagen müssen Chemnitzer IT-Unternehmen höhere Löhne zahlen, um Fachkräfte nach Chemnitz zu locken oder gleich Außenstellen in anderen Städten eröffnen, um den Fachkräftebedarf zu decken. Arbeitsplätze entstehen dadurch nicht in Chemnitz. Fachkräften wird es ermöglicht, so noch leichter in attraktivere Städte umzuziehen und an einem anderen Firmenstandort zu arbeiten. Ohne weiteres lässt sich dann auch die Zentrale verlegen und plötzlich ist Chemnitz nur noch eine kleine "Werkbank" wie bereits in anderen Branchen üblich. Da bringt es auch nichts mehr, über Startups zu sprechen, deren Geschäfts- und Finanzierungsmodelle man nicht versteht und deren Wachstum man gar nicht bedienen kann.

Die TU Chemnitz konzentriert sich zunehmend auf die Ausbildung ausländischer Studierender (nicht der hiesigen Flüchtlinge, sondern Ausländer, die viel Geld zahlen), die nach ihrer Ausbildung zum Großteil ebenfalls in ihr Heimatland oder attraktivere Städte wechseln. Das betrifft vor allem technische Bereiche, wie eben IT und macht es Firmen noch schwerer, geeignete Fachkräfte in Chemnitz zu finden. Ohne ausländische Studenten würden die Studierendenzahlen massiv sinken. Stadtverwaltung und Wirtschaftsförderung müssen dringend aufwachen und mit ihrer Schönmalerei aufhören. Die Entwicklungen sind nicht positiv und die Ursachen sind selbst verschuldet.

Weiterhin wird ausgeführt, dass durch das Chemnitzer Modell angeblich mehr Einpendler in die Stadt kommen. Ein Blick auf die historischen Daten des statistischen Landesamts zeigt jedoch, dass die Zahl der Einpendler die letzten zehn Jahre weitestgehend stabil ist und die Zahl der Auspendler stärker steigt als die der Einpendler. Das Chemnitzer Modell hat darauf keinen Einfluss und die meisten Pendler fahren mit dem Auto, weil sie gar nicht ans Chemnitzer Modell angeschlossen sind und sonst 10x so viele Züge fahren würden.

Das sich "selbst Stadtteile wie der Sonnenberg" rasant entwickeln, ist ein Schlag ins Gesicht derer, die sich dort engagieren und versuchen, die Wirtschaftsförderung und Stadtverwaltung von Maßnahmen zu überzeugen, hunderte lehrstehende Ladengeschäfte zu aktivieren oder die städtischen Immobilien zeitnah nutzbar zu machen. Das wird einfach ignoriert und verschleppt. Akteure werden oberlehrerhaft behandelt und als dumm hingestellt. Im neuen Haushalt soll zudem der notwendige Eigenanteil der Städtebauförderung massiv zusammengestrichen werden, um im Gegenzug zusätzliche Stellen im Hofstaat der Oberbürgermeisterin zu finanzieren. Der Bürgermeister- und Stadtrats-Wahlkampf steht vor der Tür und es muss alles poliert werden, womit man irgendwie glänzen kann. Wirtschaftliches Grundlagenwissen zählt leider nicht zu den Schätzen. Bloss weil wegen niedriger Zinsen in der Stadt gerade rege Bautätigkeit herrscht und die Stadtkasse wegen der vor Jahren auf Basis falscher Zahlen eingeleiteten Sparprogramme gefüllt sind, handelt es sich noch lange nicht um einen nachhaltigen Aufschwung. Wirtschaftsförderung findet nicht statt, Anreize für Eigeninitiative werden nicht gesetzt, Kritik wird als Nestbeschmutzung und nicht als Aufforderung zu Dialog und Handeln empfunden.

Das böse Erwachen wird nicht nur bei den nächsten Wahlen kommen, wenn man sich weiter die Taschen volllügt. Leider zum Schaden der Bürgerinnen und Bürger.

Ursprünglich auf Facebook am 21.08.2018 veröffentlicht.