Digitales Mittelalter im Chemnitzer Klassenzimmer

· Verwaltung & Stadtrat · 3 Min. Lesezeit · Artikel 400 von 492

#Chemnitz #Digitalisierung #Verwaltung #Schule

Bis zum Ende des Mittelalters hatten nur privilegierte Menschen Zugriff auf Bücher. Begründet wurde dies mit der potentiellen Gefährlichkeit der Inhalte und technischen Beschränkungen.

Heute haben in Schulen nur privilegierte Menschen Zugriff auf das Internet. Begründet wird dies mit der potentiellen Gefährlichkeit der Inhalte und technischen Beschränkungen.

Nun beginnen Verwaltungen 20 Jahre nach der Einführung von WLAN mit der Erprobung desselbigen an Schulen, als sei es gestern erst erfunden worden. Nutzen dürfen es im digitalen Mittelalter erstmal nur die Lehrkräfte.

Anders als im Mittelalter haben Schülerinnen und Schüler allerdings schon seit Jahren Smartphones, mit denen sie am Schulnetz vorbei Inhalte abrufen können, sofern irgendwo ein Mobilfunkmast in Reichweite steht. Leisten können sich die für Lerninhalte notwendigen teuren Datentarife allerdings wiederum nur die finanziell Privilegierten.

Was digitale Lerninhalte angeht, überlässt man das Bereitstellen der freien und ohne Privilegien zugänglichen Inhalte weitestgehend engagierten Privatpersonen, ausländischen Bildungseinrichtungen und politisch oder wirtschaftlich motivierten Interessengruppen. Am beliebtesten sind derzeit Lernvideos auf Youtube zu allen möglichen Themen, deren didaktische Qualität teilweise die des Unterrichts übertrifft und vielen hilft, die sich keine Nachhilfelehrkraft leisten können. Lerngruppen bilden sich in (Video-)Messengern, Lehrmaterial wird über Google Drive oder Dropbox verteilt, Sprachen lernt man gemeinsam über Apps - ganz ohne Lehrkraft und zentrale Kontrolle.

Die wenigen staatlichen/städtischen Lerninhalte funktionieren meist nicht auf Smartphones und werden gern in zugangsbeschränkte Systeme gepfercht, auf welche wiederum nur privilegierte Personen Zugriff haben und wo unklar ist, welche Nutzungsprofile erfasst werden und mit welchen Nutzungsrechten überhaupt weiterverarbeitet werden kann. Datenschutz und Nutzungsrechte sind bei staatlichen Projekten der Hemmschuh Nummer eins, obwohl das gelöst werden kann, wenn man einfach auf Logins verzichtet und die Bildungsinhalte frei gibt (Creative Commons).

Nun könnten die Museen und Bildungseinrichtungen ohne großen Aufwand ihrem digitalen Bildungsauftrag gerecht werden und neben der Bereitstellung freier Lerninhalte für Lernwillige in der ganzen Welt auch noch für ein gutes Image/Marketing der Stadt sorgen. Die notwendige Software gibt es von uns kostenlos, wenn die damit erstellten Inhalte ebenfalls kostenlos und ohne Zugangsbeschränkungen zur Verfügung gestellt werden. Wieso sollte Thermodynamik nicht an einer Hartmann-Lok erklärt werden und die Geschichte des Mittelalters am Beispiel des Roten Turms oder der Stadtgeschichte von Chemnitz - und das in vielen Sprachen? Wir können natürlich auch abwarten, bis sich Trump und Putin gute Beispiele ausgedacht und ins Deutsche übersetzt haben.

Ursprünglich auf Facebook am 29.06.2018 veröffentlicht.