Chemnitztalviadukt gerettet, andere Brücken fallen

· Denkmalschutz & Bauen, Verkehr & Mobilität, Stadtentwicklung & Innenstadt · 9 Min. Lesezeit · Artikel 404 von 492

#Chemnitz #Denkmalschutz #Verkehr #Bauen

Das Chemnitztalviadukt scheint gerettet, vier andere historische Eisenbahnbrücken (u.a. die historische Brücke am Südbahnhof) werden fallen. Insofern ist es interessant, in die Historie dieses Debakels zu schauen und vielleicht für die Zukunft zu lernen.

Im Jahr 2003 erklären Ingenieure das Viadukt zu Schrott. Leichtgläubige Stadtratsmitglieder fallen darauf herein: "Die Brücke hält maximal noch zwei Jahre. Sie muss dringend ersetzt werden. Sie steht kurz vor dem Einfallen. Also es besteht Handlungsbedarf!" wird z.B. Herr Detlef Müller (heute Bundestagsabgeordneter der SPD und noch immer im Chemnitzer Stadtrat) im Jahr 2003 zitiert. Die Ingenieurkammer Sachsen und die Stadt Chemnitz loben daraufhin einen Wettbewerb für den Neubau aus. In der Jury (12 Männer, eine Frau) sitzen neben der damaligen Baubürgermeisterin Wesseler und Herrn Müller noch zwei weitere Stadträte (CDU und DIE LINKE) und ein Vertreter des Stadtplanungsamts. Mit dabei ist auch der damalige Regierungspräsident, welcher einen Großteil der Widersprüche gegen Denkmalabrisse in der Stadt als letzte Instanz kassiert hat und damit für den Verlust zahlreicher Denkmale verantwortlich ist.

Die Bahn, die ebenfalls Vertreter in der Jury stellt, nimmt den Auftrag zum Neubau an und die Mühlen setzen sich in Bewegung. Zehn Jahre und einige Wirtschaftskrisen und Verwicklungen zum Bahn-Börsengang später, verkündet die Bahn stolz die Neubaupläne. Mittlerweile ist 2013, das Chemnitztalviadukt ist trotz unterlassener Instandhaltung noch nicht eingestürzt, auch wenn schon Bäume darauf wachsen. Mittlerweile ist auch eine Generation von Bürgerinnen und Bürger ist groß geworden, die einen anderen Blick auf die Stadt hat und die findet, dass die kreativen Leistungen der Vorfahren erhaltenswert sind.

Nach Ideenfindung zwischen Stadtforum Chemnitz und Stadtbild Chemnitz zum Format des Widerstands wird auf meinen Vorschlag hin eine Petition gestartet. Sandro Schmalfuß schreibt einen exzellenten Text, erstellt die Petition und setzt seinen Verteiler in Gang. Das Stadtforum kümmert sich parallel um die Einholung von Unterschriften auf den papiernen Unterschriftslisten. 7.370 Menschen aus ganz Deutschland zeichnen daraufhin bis Oktober 2013 die Petition. Die Unterschriften und die vielfältigen Kommentare werden von mir Ende 2013 in 18 Paketen an alle Stadtratsfraktionen sowie alle Chemnitzer Landtagsabgeordneten und Bundestagsabgeordneten verschickt. Rückmeldungen kommen leider nur wenigen (u.a. MdB Leutert/LINKE, MdB Heinrich/CDU, Fr. Zais/GRÜNE, Fr. Schaper/LINKE und Hr. Wolf/VOSI). Besonderen Einsatz zeigt auch Herr Patt/CDU.

Die Bahn setzt daraufhin die weiteren Planungen aus. Anfang 2014 findet erst eine Informationsveranstaltung in der Annenschule statt, wo die Bahn die Pläne verteidigt und auf erheblichen Widerstand der Bürgerschaft trifft. Die Verwaltung verhält sich weiter neutral, die Politik ist still. Der Verein "Viadukt-Nutzung des baulichen Erbes der Industrialisierung e.V." unter Frank Kotzerke/Stadtforum, Anke Morgner und Dr.-Ing. Johannes Rödel gründet sich, welcher in Folge sowohl technische Fachexpertise als auch Anleitung zum Stellen von Widersprüchen im folgendem formellen Planfeststellungsverfahren liefert und zusätzlich mit künstlerischen Interventionen Aufmerksamkeit bei der Bevölkerung erweckt. Parallel erfolgreich weitergeführt wird die Kommunikations- und Hintergrundarbeit von Sandro Schmalfuß/Stadtbild Chemnitz mit der Presse und allen möglichen Ansprechpartnern und Entscheidern.

Am 21.3.2014 erfolgt eine kritische überregionale Berichterstattung in der WELT. Das Viadukt wird von Ingenieuren besichtigt. Der Zustand ist viel besser als bislang behauptet. Langsam wird klar, dass das etwas faul ist: Die "Gutachter" kommen aus den gleichen Büros wie die Gewinner des Wettbewerbs.

Es folgt ein weiteres Bürgerforum am 27.11.2014 im großen Hörsaal der Technischen Universität. Mit steigender Berichterstattung in der Presse erwacht nun auch das Interesse von verschiedenen Politikerinnen und Politikern, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Ende 2015 bekennt sich der Chemnitz Stadtrat erstmals gemeinschaftlich zum Erhalt und beauftragt die Verwaltungsspitze, Verhandlungen mit der Bahn aufzunehmen.

Im folgenden Planfeststellungsverfahren erfolgen umfangreiche Stellungnahmen der Stadtverwaltung für den Erhalt von allen fünf betroffenen historischen Eisenbahnbrücken des Chemnitzer Bahnbogens. Weiterhin reichen auch viele Bürgerinnen und Bürger sowie Organisationen Einwendungen gegen den Abriss ein. Die Landesdirektion Sachsen empfiehlt daraufhin dem Eisenbahnbundesamt den Erhalt. Das Eisenbahnbundesamt entscheidet am 1.6.2018 pro Erhalt des Chemnitztalviadukts. Ein großer Erfolg nach 5 Jahren, um die unselige Entscheidung von 2003 wieder rückgängig zu machen. Leider nicht für alle historischen Brücken.

Was lernen wir daraus: Es bedarf des Widerstands Einzelner, Prozesse in Gang zu setzen und in Gang zu halten. Es bedarf der Unterstützung vieler, Prozesse durchzuhalten und eine kritische und sichtbare Masse zu erzeugen. Dazu reicht manchmal schon eine Veranstaltungsteilnahme, eine Unterschrift oder die Beteiligung an einem Widerspruchsverfahren.

Der Ingenieur kann seine Brötchen mit Neubau oder Bestandserhalt/Sanierung verdienen. Bestandserhalt erfordert Fachwissen zu den "alten" Technologien (in diesem Fall z.B. das Werfen der glühenden Nieten, mit welchen so ein Bauwerk zusammengehalten wird). Das ist in der Ausbildung unterrepräsentiert oder wird gar nicht mehr gelehrt. Bestandserhalt ist auch mit wenig Ruhm (meist nur unter "diesen Denkmalschützern") verbunden und bringt keine Preisgelder für den tollsten Entwurf. Zudem hat jedes Ingenieurbüro irgendwann ein Spezialgebiet, indem es sich bequemerweise aufhält und fortbildet, während anderes Fachwissen hinten runterfällt. Gutachten von Ingenieuren bieten zudem sehr viel Lösungsspielraum und werden gern je nach gewünschter wirtschaftlicher Zielstellung verkürzt oder es wird der Gutachter beauftragt, der wahrscheinlich das gewünschte Resultat bringt. Im vorliegenden Falle kommen mehrere Dinge zusammen, der Wunsch zur ruhmreichen Neugestaltung überwiegt, das Ergebnis fachlich unterbelichteter Ingenieuren wird auf alternativlosen Neubau interpretiert, es bestehen wirtschaftliche Abhängigkeiten und das Unheil nimmt seinen Lauf. Für eine Bürgermeisterin und auch für Stadträte ist die Mitarbeit in einer Jury prestigeträchtig und der Regierungspräsident kann seine pathologische Abneigung gegen Altes ausleben. Die Bedenken von ganzen Fraktionen mit solchen (teilweise auch gut bezahlten) Posten einzufangen, hat mittlerweile Tradition. Auch heute sind Vertreter der Fraktionen regelmäßig Jurymitglied und bevölkern die Aufsichtsräte städtischer Unternehmen. Was dort entschieden und besprochen wird, bleibt meist geheim. Die wenigsten Stadträtinnen und Stadträte haben aber die notwendige Ausbildung und erforderliche Zeit für die Ausübung dieser Posten, weshalb die wichtigen Fragen teilweise nicht gestellt und vieles nicht hinterfragt wird. Am Ende wird auch nur das in die Fraktionen weitergetragen, was man vielleicht selber (falsch) verstanden hat.

Als "Widerständler/in" kämpft man also auf fachlicher Ebene, entweder durch Einarbeitungszeit in Informationen, die man nur mit viel Glück und Beharrlichkeit bekommt oder über Gespräche mit verschiedenen Fachleuten und teure Gegengutachten. Originalquellen werden meist nur unter höchster Geheimhaltung bereitgestellt, von wenigen gelesen und noch weniger verstanden. Komplexe Ratsanfragen werden gern abgelehnt. Man kämpft auf juristischer Ebene, denn richtig ist noch lange nicht rechtens und Recht nicht immer richtig. Juristische Prozesse überleben manchmal auch die Beteiligten. Man kämpft auf formeller Ebene und muss Verwaltungsprozesse verstehen. Verwaltungen revidieren ungern Entscheidungen und Planungen, auch wenn diese Jahrzehnte alt und überholt sind. Das steckt dann schon in der DNA. Auf politischer Ebene, mit viel Pressearbeit arbeitet man gegen Desinformation und im schlimmsten Fall auch auf wirtschaftlicher Ebene, wenn man in der Stadt keine Aufträge mehr bekommt. Fachleute sind nicht immer so wirtschaftlich unabhängig, wie es auf den ersten Blick scheint und deren Entscheidungen sind nicht richtig, nur weil sie fachlich richtig erscheinen.

Ebenfalls eine Erkenntnis in so langen Prozessen: Die Bahn ist nicht an allem Schuld. Hier müssen sich viele gehörig an die eigene Nase fassen.

Quellen zum Nachlesen:

https://www.mdr.de/kultur/themen/eisenbahnviadukt-chemnitz-100.html

https://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article126022103/Die-Bahn-will-das-naechste-Baudenkmal-abreissen.html

http://viadukt-chemnitz.de

http://www.stadtforum-chemnitz.de

Ursprünglich auf Facebook am 23.06.2018 veröffentlicht.