Fahrradboxen glänzen mit Nullkommasieben-Prozent-Erfolg

· Verkehr & Mobilität, Stadtentwicklung & Innenstadt · 6 Min. Lesezeit · Artikel 34 von 492

#Chemnitz #Radverkehr #Mobilität #Digitalisierung

Nachdem sich die farbenfrohen Baucontainer in der Innenstadt und am Bahnhof als Unterstellmöglichkeiten für Fahrräder entpuppt haben, berichtet TAG24 nun, dass die Boxen eine Auslastung von 0,7% von Dezember bis März verzeichnen [1], was vor allem aufgrund der Fahrradmenge selbst bei Schnee am Hauptbahnhof verwunderlich wenig ist. Die 0,7% war wahrscheinlich ich, weil ich das fünf Mal Ende Januar an den Standorten auf Bedienbarkeit getestet habe. Allgemein werden nur Zahlungsarten angeboten, die Kindern und Jugendlichen nicht zu Verfügung stehen 🚫🧒👦👧❌. Offensichtlich will man Menschen unter 18 nicht, was sehr gut mit der Jugendumfrage korrespondiert. Aber auch bei mir als Über-18jährigen hat in drei Fällen die Kreditkartenzahlung nicht funktioniert.

Ohne Kreditkarte ist der Ablauf dann wie folgt:

🤔 Man soll einen QR-Code scannen, was selbst auf vielen neueren Android-Mobilgeräten nicht ohne weiteres funktioniert und teilweise die Installation von dubiosen Apps erfordert. 🌐 Nach dem Einscannen landet man auf einer Webseite, vorausgesetzt, man hat Internet auf dem Smartphone. 🔍 Dort muss man die Postleitzahl oder die Adresse der Box eingeben sowie das Bundesland auswählen, also schnell mal mit Google recherchieren, wie die Postleitzahl ist, an der man sich befindet. 📍 Dann werden zwei Adressen nebst Bildern vom Marktplatz angezeigt und es muss nochmal ausgewählt werden, dass man sich z.B. nicht am Bahnhof, sondern auf der Straße der Nationen befindet. 🤷 Dann wählt man eines der 15 leeren Fächer aus, eins scheint kaputt zu sein. Die Anzeige wird auf dem Handy komisch umgebrochen, so dass man nochmal um die Box rumläuft und schaut, welches Fach mit welcher Nummer gemeint ist. ⏱️💰 Jetzt soll man wie bei der klassischen Parkuhr vorher schon wissen, wie lange man in der Innenstadt bleiben will. Es kostet 5 Cent pro 40 Minuten plus irgendwas um die 30 Cent Buchungsgebühr. Irgendwer scheint hier eine Passion für 40 Minuten-Takt zu haben und wieso verlangt man überhaupt lächerlich wenig Geld, wenn das Mehrfache der Miete als Transaktionsgebühr an den Box- und Zahlungsbetreiber geht? 📑😩 Dann soll man eine PDF-Datei mit sieben A4-Seiten am Handy lesen und bestätigen. Offensichtlich schließt man einen Vertrag mit dem "Vermittler" Locktec GmbH und/oder auch dem Betreiber der anonymen "Stadt". Man weiß es nicht. Unter anderem steht in den AGB, dass man sein Fahrrad in der Box zusätzlich anschließen soll. Gerichtsstand ist Coburg. 🔓 Jetzt darf man zur "Kasse", wo man sich registrieren oder einloggen soll. Ein weiterer Klick führt zur Registrierung, wenn man den kleinen Link nicht übersieht. 📝 Jetzt muss man sich mit vollständiger Adresse, Handynummer und E-Mail registrieren und muss sich ein Passwort ausdenken. 🔄 Jetzt muss man ein zweites Mal den sieben Seiten AGB zustimmen. Außerdem kommen noch 17 DIN-A4-Seiten Datenschutz als PDF. Hier wird man unter anderem umfangreich zum Profiling belehrt, um dann auf Seite 17 zu lesen, dass gar keines stattfindet. 🔄🔄 Danach springt man zur Auswahl des Faches zurück und muss die AGB ein drittes Mal bestätigen und wieder zur Kasse gehen. 💳💬 Dort kann man sich zwischen Kartenzahlung und Paypalzahlung entscheiden. 🚫🏦 Wenn man Kartenzahlung auswählt, landet man auf einer Seite, wo man Banken auswählen kann. Leider werden nur niederländische Banken angeboten. Beim Abbruch muss man wieder von ganz vorn anfangen. Bei weiteren Versuchen direkt am PC konnte man auch Mastercard, VISA usw. wählen – aber eben nicht am Smartphone. 💸 Also Paypal (auch erst ab 18 Jahren) gewählt und mit Paypal bezahlt. Wer seine Paypal-Zugangsdaten nicht mit hat oder kein Paypal hat, muss sich dann noch durch die Paypal-Angaben klicken. 📧🔗 Nach der Zahlung soll man seine Mailadresse bestätigen. Dazu muss man diese natürlich auf dem Handy eingerichtet haben, sonst hilft nur die Rückkehr an den heimischen PC. 🔑📬 Dann bekommt man einen neunstelligen Zugangscode per E-Mail gesendet. Wer keinen Mailzugang auf dem Handy hat, kommt nicht an den gerade bezahlten Code und steht vor verschlossener Tür, während die Zeit abläuft. 🔓🚪 Den Code aus der E-Mail gibt man dann wiederum nochmal am Touchdisplay und die Tür öffnet sich. 💪🚲 Bei den oberen Fächern muss man die Halterung mit recht viel Kraft nach unten drücken und das Fahrrad hochhieven und dann nochmal anschließen. Die Halterung ist am dünnen Blechboden vernietet und scheint nicht auf Langzeithaltbarkeit optimiert zu sein. Dann macht man die Tür zu. 🔓🚨 Nach Rückkehr kann die Tür dann wiederum mit dem Code geöffnet werden. In den AGB steht, dass man 110 Euro Bearbeitungsgebühr zahlen soll, wenn man den Code nicht mehr hat. Außerdem drohen Strafen, wenn das Rad länger als 24 Stunden abgestellt wird.

Es vergehen also locker 20-40 Minuten, bis man das Fahrrad eingeschlossen hat. Der verantwortliche Bürgermeister sinniert nun darüber in TAG24, ob man eventuell mehr als 24 Stunden erlauben solle. Ja, sollte man, wenn man sich auch um die 20 anderen Hindernisse kümmert und das vielleicht selbst mal testet.

Was das Bauamt geritten hat, sich ausschließlich nach Preis für ein unausgereiftes Schrott-System zu entscheiden, wird wohl ewig ein Mysterium sein. Zumal es sogar in Chemnitz einen Anbieter gibt, der funktionsfähige Lösungen im Angebot hat. Außerdem hätte es wohl auch eine einfachere mechanische und gar kostenlose Lösung getan, wie man das seit 100 Jahren von Schließfächern kennt.

[1] https://www.tag24.de/chemnitz/lokales/kaum-auslastung-fahrradboxen-in-chemnitz-bislang-ein-flop-3152208

Ursprünglich auf Facebook am 15.04.2024 veröffentlicht.