Eins reißt historische Gaslaternen weiter ab
Der städtische Energieversorger eins energie schert sich nicht ums historische Stadtbild und den Denkmalschutz in Chemnitz und lässt weitere historische Gaslaternen entfernen (hier Deulichstraße). Ersetzt werden diese durch anspruchslose verzinkte Stangen. Andere Städte bekommen kurioserweise eine Umrüstung auf LED hin.
UPDATE nach Nachfrage beim städtischen Denkmalschutz: Der Denkmalschutz hat das genehmigt, weil man die gußeisenen Säulen angeblich technologisch nicht auf LED umrüsten kann (geht überall, nur nicht in Chemnitz). Außerdem will man was für das Klima tun (indem man 70kg verzinktes Stahlrohr produziert auf aufstellt und die neuen Lampen dann mit Strom aus Erdgas betreibt). Außerdem geht es bei Austausch um Wirtschaftlichkeit und nicht um Denkmalschutz.
Der Denkmalschutz weiß gleichzeitig folgendes zu berichten:
Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England erste Fabriksäle mit Gasbeleuchtung ausgestattet wurden und die Produktion damit nicht mehr vom Tageslicht abhängig war, installierte Wilhelm August Lampadius bereits 1811 eine erste Gaslaterne zur Straßenbeleuchtung an seinem Wohnhaus in Freiberg. 1828 gelang in Dresden die Einführung der ersten öffentlichen Gasbeleuchtung in Sachsen, Leipzig zog im Jahr 1838 nach. In Chemnitz hielt zunächst nur die private Beleuchtung mittels Gas in Fabriken und an Gasthöfen Einzug, erst am 25.5.1854 erfolgte die Inbetriebnahme einer öffentlichen Gasbeleuchtung in Chemnitz. Dabei handelte es sich zunächst um 127 Laternen. Deren Versorgung mit Gas wurde zu dieser Zeit von einer 1854 errichteten privaten Gasanstalt von Pfaff & Hösel in der Zwickauer Straße gewährleistet, zu der 1874 eine weitere Gasanstalt in der Wilhelmstraße kam. Als beide Gasanstalten schließlich 1879 durch die Stadt Chemnitz übernommen wurden, waren bereits knapp 1.400 Gaslaternen im Stadtgebiet in Betrieb. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte die Leuchtkraft der Gaslaternen durch den Einsatz von Gasglühlicht anstelle einfacher Gasflammen erheblich verbessert werden, jedoch hielt um die Jahrhundertwende auch in Chemnitz erstmals das elektrische Licht Einzug – die ersten elektrischen Bogenlampen nahm man 1899 auf dem Hauptmarkt in Betrieb. 1939 erreichte das System der Chemnitzer Gasbeleuchtung mit ca. 7.850 Gaslaternen seine größte Ausdehnung und machte mit ca. 80% den größten Teil der öffentlichen Beleuchtung aus. Die Anzahl der elektrischen Laternen hingegen umfasste nur etwa 1.600 Stück. Bei den Luftangriffen auf Chemnitz am 13. und 14. Februar sowie 5. März 1945 wurde auch die Straßenbeleuchtung teils stark zerstört, vor allem aber führte das leckgeschlagene Gasleitungsnetz in vielen Stadtteilen zum Totalausfall der Gasbeleuchtung. Im Zuge des Wiederaufbaus wurde die Straßenbeleuchtung zunächst in den Hauptverkehrsstraßen wieder instand gesetzt, je nach der noch vorhandenen Infrastruktur wurde anschließend auch der Bestand in den Nebenstraßen wieder mit Gas- oder elektrischen Laternen aufgefüllt. Dabei setzte man zunächst vorhandenes bzw. aus den Trümmern geborgenes Material ein und ging erst danach zu Neuanfertigungen über. Zum 100-jährigen Jubiläum der Chemnitzer Gasbeleuchtung 1954 waren daher wieder 4.950 Gaslaternen in Betrieb, 1956 waren es etwa 6.000 Stück. Während zu dieser Zeit nur etwa 3.500 elektrischen Laternen zum Einsatz kamen, wurde ab den 1960er Jahren der Ausbau der elektrischen Beleuchtung forciert, so dass bereits Ende der 1980er Jahre lediglich noch vier verschiedene Laternentypen im Bestand der Chemnitzer Stadtbeleuchtung vorhanden waren. Fast alle dieser Laternen waren dabei Vertreter des Modells 25 der Firma Vulkan, letzte Exemplare eines weiteren Modells aus den 1920er Jahren sind in dieser Zeit aus dem Verkehr gezogen worden. Auch aufgrund schwieriger Ersatzteilbeschaffung vor allem bei den Dächern der alten Laternen entschied man sich gegen Ende der 1980er Jahre für den Nachbau einer Rundmantellaterne der Firma Ritter, dem seit 1898 in Chemnitz eingesetzten Modell 1, welches inzwischen nicht mehr im Chemnitzer Stadtgebiet anzutreffen war. Auf Grundlage alter Fotografien entstanden 1988/89 in der 2009 abgebrochenen Gießerei in der Kreherstraße (ehemals Metallgußwerk Thomas Prippenow) insgesamt 200 Nachgüsse der Laternenköpfe des Modells 1 aus Aluminium und wurden in Folge im Stadtgebiet auf alten Laternenmasten aus Gusseisen in Betrieb genommen. Anfang der 1990er Jahre stattete man alle verbliebenen Gaslaternen mit Dämmerungsschaltern der Firma Trapp aus, nachdem sie zuvor über Druckwellenfernzünder geschaltet oder per Hand nachgezündet bzw. gelöscht wurden. Zudem erfolgte die Umschaltung von Stadtgas- auf Erdgas-Betrieb. Der ehemals sehr reiche und vielfältige Bestand an Gaslaternen in Chemnitz umfasst heute (mit Stand November 2011) nur noch 423 Gaslaternen. Auf inzwischen nur noch sechs verschiedenen Mastformen sowie einem einzigen erhaltenen Wandarm sind Laternen von vier unterschiedlichen Herstellen (bzw. deren Nachbauten) montiert. Als schutzwürdig werden hiervon insgesamt 317 Gaslaternen erachtet und als Einzeldenkmale bzw. Sachgesamtheitsteile erfasst.
Laternentypen und Mastformen Rundmantellaternen gehören dabei zu den ältesten erhaltenen Laternentypen in Chemnitz, sie lösten ab 1898 sechseckige Modelleuchten ab. Heute sind noch zwei Typen dieser Rundmantellaternen erhalten, welche sich durch ihre Dachformen voneinander unterscheiden. Dabei wird das Modell 1 der Firma Ritter (seit 1898 in dieser Form und seit 1988/89 als Nachbau aus Aluminiumguss in Chemnitz eingesetzt) durch einen zylindrischen Aufsatz, welcher letztlich in einem Dorn mündet, beschlossen, während das Modell 25 der Firma Vulkan (seit den 1920er Jahren fester Bestandteil des Chemnitzer Gaslaternenbestandes) einen gewölbten Dachabschluss aufweist. Frühe Gaslaternen von Vulkan besaßen kupferne Dächer, wobei diese aufgrund des Rohstoffmangels vor und während des Zweiten Weltkriegs durch Aluminiumdächer und später in der DDR durch die heute noch erhaltenen schwarz emaillierten Stahldächer ersetzt wurden. Beide Laternentypen kommen in Chemnitz auf vier unterschiedlichen Mastformen montiert zum Einsatz. Dabei sind nur noch zwei der sogenannten "Muschelmasten" erhalten (siehe auch Einzeldenkmaldokument – obj. 09304093), bei denen ein Vierer-Bündelpfeiler auf einem zylindrischen Sockelbereich ansetzt und mit einem muschelförmig ausgebildeten Kapitell abschließt. Aufgrund ihrer Gestaltung sowie ihrer verhältnismäßig geringen Höhe wird vermutet, dass es sich bei diesen beiden Masten um besonders alte Exemplare innerhalb des Chemnitzer Gasbeleuchtungssystems handelt. Die beiden am häufigsten in Chemnitz vorkommenden (daher auch zusammengefasst als "Chemnitzer Gussmasten" bezeichneten), historisierend gestalteten Mastformen unterscheiden sich lediglich durch den mit floralen Elementen in der Art eines Fruchtgehänges versehenen Mastbereich, der sich zwischen einem schwach konischen, glatten Sockel und dem kannelierten Schaft mit rundem Kapitell befindet. Häufiger ist hier ein längerer konischer Bereich mit Fruchtgehänge, der auf einen gedrungenen kugelförmigen Mastbereich folgt. Bei dem kürzer ausfallenden Fruchtgehänge fällt dieser kugelförmige Bereich gestreckter aus. Die Kanneluren werden von 12 Stegen getrennt, die einzigen Ausnahmen sind zwei Masten mit 16 Stegen und einer entsprechend feiner wirkenden Kannelierung (vgl. Einzeldenkmaldokumente – obj. 09304107 und obj. 09304102). Auch hier ist zu vermuten, dass es sich um besonders alte Masten dieses Bautyps handelt. Eine modernere Mastform für diese Rundmantelleuchten vermutlich aus den 1920er Jahren besteht aus einem glatten Mast mit rundem Kapitell und einem konischen, durch Ringe optisch gegliederten Sockelbereich. Hiervon sind nach derzeitigem Wissensstand zwei Exemplare in der Gemarkung Kaßberg und sieben weitere in der Gemarkung Borna (Louis-Otto-Straße, vgl. Einzeldenkmaldokument – obj. 09304224) erhalten. Zuletzt befindet sich in der Hauboldstraße die letzte Wandlaterne der öffentlichen Gasbeleuchtung in Chemnitz (siehe Einzeldenkmaldokument – obj. 09304106). Auch hier ist eine Rundmantellaterne (Firma Vulkan) auf den erhaltenen schlichten Wandarm, der vermutlich nach der Jahrhundertwende entstand, montiert. Alle bisher beschriebenen Laternenmasten haben – im Gegensatz zu beispielsweise den historischen Laternenmasten in Dresden – keine direkt am Mast angebrachten Leitereisen, auf denen der Laternenwärter ehemals seine Leiter für Wartungs- und Reparaturarbeiten aufsetzte. Stattdessen wurden die Laternenbügel derart gestaltet, dass jeweils zwei Ösen entstanden, in die eine Leiter eingehängt werden konnte. Zudem sind viele der alten gusseisernen Masten in den 1990er Jahren sandgestrahlt sowie einer anschließenden Korrosionsschutzbehandlung unterzogen worden und erscheinen heute in einer anthrazitgrauen Farbfassung. Unbehandelte Masten weisen zumeist ältere Schutzlackierungen in verschiedenen Grüntönen sowie grauer und zuletzt brauner Farbe auf. In den 1930er Jahren kamen in den neu gebauten Wohnsiedlungen in Chemnitz 6-flammige Ansatzleuchten des Modells U11 der Firma BAMAG (Berlin-Anhaltische Maschinenbau Aktiengesellschaft) zum Einsatz. Lediglich in der Gagfah-Siedlung in Schloßchemnitz (siehe auch Sachgesamtheitsdokument – obj. 09302956) ist ein Bestand von 21 Ansatzleuchten erhalten geblieben, diese sind ausnahmslos als Teile der Sachgesamtheit Gasbeleuchtung Chemnitz zu betrachten. Die Leuchten an Salzstraße und Waldleite zeichnen sich durch einen hohen Auslegermast aus Walzstahl aus, an dem eine konisch geformte Laterne mit ebenfalls konisch geformter Glasglocke befestigt ist. Die ursprüngliche grüne Farbfassung blieb gewahrt. In der Heinrich-Zille-Straße, der Beethovenstraße sowie der Sebastian-Bach-Straße schließlich sind noch drei Straßenzüge mit 19 Aufsatzleuchten des VEB Leistner Leuchtenbau Leipzig, auch "Leistner-Leuchten" genannt, erhalten und als Sachgesamtheitsteile erfasst. Ursprünglich wurde dieses Modell um 1930 von der Firma Ehrich & Graetz entwickelt und nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre von dem VEB Leistner Leuchtenbau Leipzig weiter produziert. Die Laternen mit konisch geformten, rund abschließenden Dächern aus Bakelit sowie ebenfalls konisch geformten Glasglocken sind mittels schlichter Laternenbügel mit integrierter Gasführung auf die Hochmasten aus Walzstahlrohr aufgesetzt. Die Leitereisen sind hier zwar auch am Laternenbügel angebracht, wurden jedoch nicht in Form von Ösen, sondern als schlichte Querstangen ausgeführt. Die Masten sind zu unterscheiden in eine frühe Form aus Walzstahl mit einem Sockel aus Gusseisen und einem integrierten Steigrohr für die Gaszufuhr. Sie wurden vor 1945 gefertigt, insgesamt 12 sind erhalten. Die sieben weiteren Masten sind in komplett gasführendem Walzstahlrohr ausgeführt und können dem VEB Leistner zugeschrieben werden. Alle Hochmasten weisen die bereits erwähnte grüne Farbfassung auf. Drei weitere erhaltene Ansatzleuchten des VEB Leistner (mit Stand November 2011) in der Rewitzerstraße bzw. am Zschopauer Platz werden aufgrund ihrer Lage ausgenommen, denn sie sind nicht nur von einem System elektrisch betriebener Ansatzleuchten umgeben und damit funktional alleinstehend, sondern können auch optisch kein zusammenhängendes Straßenbild mehr vermitteln.
Denkmalwert Die städtische Gasbeleuchtung ist ein spezifisches Merkmal der industriellen Revolution, sie ermöglichte zum ersten Mal eine qualitativ hochwertige Beleuchtung von Räumen und öffentlichem Straßenraum. Die öffentliche Stadtbeleuchtung mit Gas hielt in Deutschland mit der Gründung der ersten öffentlichen Gasanstalten in Hannover 1826 und in Dresden 1828 Einzug, weitere sächsische Städte folgten, so Leipzig 1838 und Zwickau 1853. Die Einführung der Gasbeleuchtung in Chemnitz 1854 reiht sich hier ein, weshalb der erhaltene Bestand an Gaslaternen Zeugnis eines vergleichsweise frühen öffentlichen Stadtbeleuchtungssystems in Sachsen ist. Von den ehemals sehr vielfältigen Gaslaternen sind heute zwar nur noch vier verschiedene Modelle, darunter eine einzige Wandlaterne, erhalten, jedoch veranschaulichen diese nicht nur die gestalterische und konstruktive Vielseitigkeit, sondern auch funktionale Unterschiede. So lassen sich anhand der Gaslaternen und ihrer Masten Formentwicklung sowie Materialauswahl von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre hinein nachvollziehen. Aus diesem Zeugniswert der Gaslaternen für das Versorgungssystem der städtischen Gasbeleuchtung sowie für die konstruktive und gestalterische Entwicklung seiner einzelnen Elemente leitet sich die hohe technik- und stadtgeschichtliche Bedeutung der Sachgesamtheit ab. Hervorzuheben ist weiterhin die städtebauliche Bedeutung der Gaslaternen, die als optisch und funktional zusammenhängendes Beleuchtungsnetz komplette Straßenzüge in Stadtvierteln mit zeitlich korrespondierender geschlossener Bebauung säumen. Auch in Verbindung mit dem straßenseitigen Pflanzen- und Baumbewuchs sowie der ursprünglichen Gehsteigpflasterung ergibt sich hier ein stimmiges Straßen- und Stadtbild, welches die frühere Beleuchtungssituation sowie die nächtliche Wirkung des Gaslichtes im gesamten Chemnitzer Stadtgebiet auch heute noch exemplarisch veranschaulicht. Dabei gehört Chemnitz neben Dresden und möglicherweise Zwickau zu den einzigen sächsischen Städten, in denen auch heute noch Gaslaternen in Betrieb sind und so das historisch gewachsene, ursprünglich netzwerkartige System städtischer Gasbeleuchtung anhand von einzelnen Straßenzügen, Platzgestaltungen bzw. sogar anhand von zusammenhängend mit Gaslicht versorgten Gebieten erfahrbar bleibt. Auch in ganz Deutschland können nur noch 36 weitere Städte Gaslaternen aufweisen. Daher kommt dem Chemnitzer Gasbeleuchtungssystem ein hoher Seltenheitswert zu. Zudem hat die Gasbeleuchtung aufgrund der spezifischen Beleuchtungsqualität des Gaslichtes eine hohe stadtbildprägende Bedeutung, da dem Betrachter vor allem auch aufgrund des gewahrten historischen Kontextes von Straßenbeleuchtung und umgebender, zeitlich korrespondierender Wohnbebauung ein Straßenbild von hoher Authentizität vermittelt wird. Somit besitzen die Gaslaternen einen hohen Erlebnis- und Erinnerungswert für die Bevölkerung. Aufgrund der genannten Kriterien der Denkmalfähigkeit – technik- und stadtgeschichtliche sowie städtebauliche Bedeutung – und Denkmalwürdigkeit – Seltenheit, stadtbildprägende Wirkung sowie hoher Erlebnis- und Erinnerungswert – aber auch aufgrund der Begeisterung der Anlieger für "ihre Gaslaternen" sowie aufgrund des fachlichen Bewusstseins eines großen Kreises an Experten für die noch erhaltenen Gasbeleuchtungssysteme (vgl. hier z.B. die Arbeit des Vereins ProGaslicht), besteht ein großes öffentliches Interesse an der Erhaltung des Versorgungssystems der städtischen Gasbeleuchtung in Chemnitz, woraus sich dessen Denkmalwürdigkeit ableitet.
Ursprünglich auf Facebook am 28.08.2023 veröffentlicht.