Kaufhof bleibt, die Innenstadt bleibt schwierig

· Stadtentwicklung & Innenstadt, Stadtwirtschaft & Kreativwirtschaft, Verwaltung & Stadtrat · 5 Min. Lesezeit · Artikel 185 von 492

#Chemnitz #Innenstadt #Stadtentwicklung #Mieten

Die Freie Presse verkündet, dass Kaufhof die Mietpreissenkung erfolgreich durchgesetzt hat und nun auf unbestimmte Zeit weiterwurstelt. Ein großer Stein fällt für die Vertreter der Chemnitzer Stadtverwaltung vom Herzen, dass der Mietpreis am Marktplatz jetzt unter 10 Euro pro qm angekommen ist und man sich weiterhin teuer bei Kaufhof einkleiden kann. Natürlich auch Jubel in Dresden und Leipzig, wo man sich schon um Kundschaft gesorgt hat, wenn in Chemnitz plötzlich ein Primark oder ein Outlet-Center einziehen würde und die jungen Menschen aus der Provinz ausblieben. Alles bleibt wie es ist.

Dabei hat die Chemnitzer Innenstadt ein Einzugsgebiet von ca. 2 Mill. Menschen, was bis nach Tschechien reicht. Das wissen die großen und kleinen Handelskonzerne. Allerdings ist die winzige Innenstadt nahezu voll vermietet, so dass innovative neue Konzepte keine Flächen finden. Neue Flächen gibt es erst in acht bis zehn Jahren, da soll angeblich auch der ICE wieder fahren. Ebenso gibt es keine Flaniermeilen, wo man ohne Unterbrechungen an gut gestalteten Schaufenstern vorbeischlendern kann. Außer in der Stadthalle findet sich kaum ein Ort für Kulturveranstaltungen und die interessantesten Kneipen und Bars liegen ebenfalls nicht alle im Zentrum. Insofern gibt es kaum Gründe, warum man derzeit aus dem Umland oder den Stadtteilen für Kultur und Shopping in die Innenstadt kommen sollte, außer die Stadtverwaltung veranstaltet ein Fest. Der Kaufhof ist auch kein Grund (mehr). Stattdessen ist das Sortiment der Innenstadt weitgehend auf Nahversorgung und täglichen Bedarf ausgelegt, was auch rege von den Anwohnern genutzt wird.

Die österreichische Signa Gruppe als neuer Karstadt Kaufhof Eigentümer hat die strauchelnde Kaufhauskette mit dem veralteten Konzept in 2018 vor allem deshalb übernommen, um deutschlandweit Gewerbeimmobilien in Top-Lagen ins Portfolio zu bekommen. Das Glashaus in Chemnitz wurde allerdings schon 2011 von Kaufhof an einen Immobilieninvestor aus Frankfurt verkauft und war einfach bei dem Paket mit dabei. Die Corona-Krise bot nun mit dem sogenannten Schutzschirm-Verfahren des Insolvenzrechts eine gute Möglichkeit, langjährige Mietverträge in Fremdobjekten in 3-Monatsfrist zu kündigen und sich der Fremdimmobilien und wenig rentablen Häuser nebst Mitarbeitern zu entledigen oder Druck aufzubauen, Mieten zu senken und Tarifverträge anzupassen.

Nun kann man sicher Menschenketten bilden oder vom Sofa aus online Unterschriften sammeln, um für den Verbleib des Kaufhofs zu demonstrieren und die 140 Arbeitsplätze zu retten. Gleichzeitig verhindert man damit bei den knappen Flächenangebot allerdings die Ansiedlung innovativerer Anbieter. Ein Beispiel sei hier das irische Handelsunternehmen Primark, der mit einem schnell wechselnden Sortiment preiswerte und moderne Mode bieten und auch junge Menschen anziehen und das Potential bis nach Tschechien voll ausschöpfen. Primark beschäftigt in Dresden auf einem Drittel der Fläche die dreifache Anzahl an Mitarbeitern wie Kaufhof. In Leipzig ergibt sich ein ähnliches Bild. Um Arbeitsplätze braucht man sich deshalb auch bei neuen Anbietern nicht zu sorgen und die Mitarbeiter bei Kaufhof mussten in der Vergangenheit schon Einschnitte und Kündigungen hinnehmen und schlechtere Verträge akzeptieren.

Nun bin ich wahrlich kein Fan von "Wegwerf-Mode"", wobei auch die Bekleidung bei Kaufhof in Billiglohnländern gefertigt wird, aber teurer verkauft wird. Wenn sich auch weniger betuchte Menschen statt bei KIK und Co. in angesagten Läden in der Innenstadt moderne Kleidung leisten können, so ist das sicher ein Mehrwert und dient der sozialen Gerechtigkeit. Die vielen Chemnitzer Einzelhändler würden ebenfalls von überregionalen Besuchern profitieren, zumal bei denen beim preiswerten Modekaufrausch mehr Geld im Portemonnaie bleibt, das auch noch für einen Restaurantbesuch oder eine Bratwurst ausgegeben werden kann.

Letztendlich war die "Rettungsaktion" eine Show-Aktion der Politik, die mangels Ideen wieder einmal nur Alternativlosigkeit zelebriert, Vergangenes zementiert und Weiterentwicklung negiert. Dies ist ein Grundübel und lähmt diese Stadt in so vielen Bereichen.

Ursprünglich auf Facebook am 03.07.2020 veröffentlicht.