Hamstern ist nicht nur Hysterie

· Verwaltung & Stadtrat · 9 Min. Lesezeit · Artikel 215 von 493

#Chemnitz#Corona#Gesundheit#Meinungsbildung

Vielfach werden Leute gescholten, die sich durch "Panikkäufe" ein Lager an WC-Papier und Desinfektionsmittel anlegen. Das Anprangern geschieht meistens durch Politiker, welche die Bevölkerung maßregeln wollen, Leute die wenig WC-Papier zu Hause haben oder die selber gehamstert haben oder so situiert sind, sich jederzeit Dinge auf dem Schwarzmarkt kaufen zu können.

Der Sozialpsychologe Clifford Stott wies in einem Interview darauf hin, dass man nicht abschätzig von Panikkäufen reden solle und dass diese Aktivität völlig rational ist. Statt Geschichten über leere Regale zu erzählen, solle man doch das Gemeinschaftsgefühl fördern, damit Lagerbestände mit den Nachbarn geteilt werden und Leute mit geringen Beständen vom Hamstern abgehalten werden. Es hängt an kluger Kommunikation. Nachzuhören auf Englisch hier <a href="https://www.rte.ie/radio/radioplayer/html5/#/radio1/21726458">https://www.rte.ie/radio/radioplayer/html5/#/radio1/21726458](https://www.rte.ie/radio/radioplayer/html5/#/radio1/21726458)</a>

Das Hamstern entsteht aber auch aus Misstrauen, die übergeordneten Stellen würden trotz laufender gegenteiliger Bekundungen keine ausreichende Versorgung sicherstellen. Es gab zum Beispiel Ende Februar kaum noch Desinfektionsmittel. Berichte darüber führten zum kompletten Ausverkauf, weil sich natürlich auch Arztpraxen und Krankenhäuser eindeckten, während andere leer ausgingen. Während der Bevölkerung vom verbotenen Selbstanmischen nach WHO-Rezeptur aus Alkohol, Glycerin und Wasserstoffperoxid abgeraten wurde, erließt die Bundestelle für Chemikalien am 4. März eine Ausnahmegenehmigung von der EU-Biozidverordnung, die nun auch Apotheken die gesetzeskonforme Herstellung für die nächsten 180 Tage nach genau der WHO-Rezeptur wieder erlaubte. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung gemaßregelt, Seife reiche völlig aus. Beim zunehmenden Umgang von infizierten Menschen, die zu Hause ihre nicht-infizierten Angehörigen pflegen müssen, reicht Seife aber eben nicht aus und man braucht große Mengen Desinfektionsmittel, wo sich der Einzelpreis der Zutaten in Apotheken durch Mischen teilweise verzwanzigfacht. So wird die Bevölkerung unmündig und unselbständig gemacht und man muss sich über Hamstern nicht wundern, weil man nichts selber herstellen kann.

Kurz danach stellte man fest, dass wichtige Chemikalien und Test-Kits für den COVID-19-Test fehlten und das Politik und Verwaltung, die eben im Anbetracht der langen Vorwarnzeit seit dem Corona-SARS-Ausbruch 2002 keine ausreichenden Vorräte gehamstert haben, dass Hamstern nun auch vorausschauenderen Personen nicht zugestehen wollen. Mangelndes Gemeinschaftsgefühl sieht man auf politischer europäischer Ebene, wenn zum Beispiel in Italien die Beamtmungsgeräte ausgehen und Deutschland (noch) genügend hat oder in Italien Aufreiniger-Chemikalien für COVID-19-Tests hergestellt werden, die wiederum Deutschland nicht erreichen. Selbst anmischen wird bei Aufreiniger schwierig und etwas Solidarität zwischen Nachbarn bringt meistens beide weiter.

Mittlerweile wurde nun auch Knappheit von Schutzmasken bemerkt, die normalerweise strengen und zertifizierten Auflagen genügend müssen und wo seitens der verantwortlichen Verwaltung und Politik trotz seit Januar 2020 drohender Pandemie keine ausreichenden Vorräte produziert wurden. Nun sind die ersten Bauanleitungen für Schutzmasken im Umlauf und die wenigen verbliebenen deutschen Bekleidungsfirmen wie Trigema erhalten erst jetzt zögerlich öffentliche Aufträge, den notwendigen Bedarf von Millionen Masken zu decken. Bei Schutzanzügen und Schutzbrillen wird das schwieriger. So ist verwunderlich, dass sich die Politik die Baumarktkontigente an Schutzbrillen und Schutzanzügen von der Bevölkerung wegkaufen lässt.

Während man am Wochenende in den Medien noch frohlockt hat, die Fallzahlen würden zurückgehen, hat das RKI nun mitgeteilt, die Gesundheitsämter hätten wegen des Wochenendes keine Zahlen geliefert. Der Virus kennt einfach das Wochenende nicht. Nun gibt es bei weiter exponentiell steigenden Fallzahlen die Fehlannahme, in Deutschland würden genügend Betten für Intensivbehandlung und Beatmung zur Verfügung stehen. Die ersten Krankenhäuser melden bereits Überlastung. Bei Ausbrüchen in Pflegeheimen wie in Würzburg sind die lokalen Plätze schnell erschöpft und es ist eine Frage der Zeit, bis SARS-CoV2 seinen Weg in Altenheime und auf Krankenstationen anderer Städte findet. Der Grund ist die in Deutschland vernachlässigte Hygiene durch Abbau von Hygieneinstituten und der fehlenden Ausbildung von Infektiologen zu sehen, im Gegensatz z.B. zum niederländischen Gesundheitssystem, wo sehr viel Wert auf Hygiene gelegt wird und wodurch es dort seit Jahren auch weniger Komplikationen mit multiresistenten Keimen gibt. Die Routine fehlt jetzt in Krankenhäusern.

Dazu kommt, dass der nationale Pandemieplan von einer Pandemie mit sehr hoher Todesrate ausgeht und erst am 4.3.2020 um Maßnahmen speziell für COVID-19 ergänzt wurde: "Die Vorbereitung auf eine COVID-19-Epidemie und deren Bewältigung benötigt die Unterstützung der gesamten Gesellschaft über das Gesundheitssystems hinaus. [...] Die Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan soll deshalb auch die Öffentlichkeit über die potenziellen Gefahren einer Pandemie informieren, die Planungen transparent machen, die erforderlichen Maßnahmen aufzeigen und für weitere Planungen in medizinischen Einrichtungen, Unternehmen usw. eine Grundlage bilden." Die Todesrate steht nämlich bei COVID-19 in starker Abhängigkeit von der Überlastung des Gesundheitssystems.
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Die geforderte Kommunikation und Transparenz der Maßnahmen ist nicht erkennbar. Ebenfalls wird die Bevölkerung nicht auf ihre unterstützende Funktion als Partner der Verwaltung und des Gesundheitssystems vorbereitet, sondern wie kleine Kinder behandelt, die unartig nach draußen gegangen sind und deshalb einen 14-tägigen Hausarrest bekommen. Wo bleibt die sofortige Hygiene-Ausbildung der Bevölkerung, um bei der weiteren Ausweitung und Erkrankung von Familienmitgliedern die Angehörigen zu schützen, vor allem wenn der Erkrankte alte und gebrechliche Pflegen müssen, weil es niemand anderes tut oder wenn in Krankenhäusern ausgeholfen werden muss, weil das Personal nicht ausreicht oder wegen Erkrankungen in Quarantäne muss? Bei korrekter Hygiene und entsprechender Schutzausrüstung ist das Pflegen von Alten und Schwachen durch infizierte Pflegende durchaus möglich, zumal die Erkrankung der Pfleger durch fehlende Tests in einer Vielzahl der Fälle gar nicht erkannt wird und bei weiterer Ausbreitung davon ausgegangen werden muss, dass jeder erkrankt ist. Der kleinste Fehler kann zur Verseuchung kompletter Abteilungen oder Pflegeheimen und damit zum Tod einer Vielzahl älterer Menschen führen.

Insoweit müssen jetzt die Vorbereitungen für Auslagerungsstrategien begonnen werden. Das RKI fordert bei stationärer Behandlung von COVID-19-Patienten "Einzelzimmer mit Nasszelle" und Belüftung, ggf. Vorzimmer zur Isolation und "Kohortenisolierung" sowie Trennung des Personals. Letzteres wird jetzt zunehmend begonnen. Mit geeigneten Einzelzimmern sieht es schlecht aus. Die Chemnitzer Messehalle mit nach oben offenen Kabinen ist nicht geeignet und folgt den Empfehlungen des Pandemieplans mit der hohen Todesrate. Hier könnten allenfalls gesunde Patienten aus den Krankenhäusern ausgelagert werden, um die Krankenhäuser für Corona-Patienten freizuräumen. Allerdings kann nicht sichergestellt werden, dass dort dann infiziertes Personal die gesamte Messehalle verseucht. Es sollten vielmehr sofort Hotels wie z.B. das fast leerstehende Chemnitzer Dorint-Hotel angemietet werden, weil dort Einzelzimmer mit Nasszellen vorhanden sind, eine Außenbelüftung möglich ist und eine Kohortenisolierung z.B. pro Etage und getrennter Fahrstuhlanlage erfolgen kann. Notfalls wären auch leerstehende Bürogebäude wie das alte Technische Rathaus denkbar, auch wenn dort die Nasszellen fehlen.

Meine Kritik vor ein paar Tagen an der Kommunikation und der Sinnhaftigkeit der Messehalle führte interessanterweise zu einem Auftreten diverser Partei-Mitglieder und deren Fake-Nutzern, die sich in Foren darauf spezialisiert haben, Kritiker am unsichtbaren Krisenmanagement der Stadt und der nicht vorhandenen Kommunikation mundtot zu machen. Diese agieren mit persönlichen Vorwürfen und völlig faktenfrei und sabotieren Transparenz. Dazu kommen langatmige Reden von Politikern, die erst die fleißigen und schlecht geschützten Menschen an der Corona-Front loben, dann die eigenen Anstrengungen betonen (hier hört dann schon niemand mehr zu) und dann nicht etwa der Bevölkerung sagt, wie man sich auf das Mithelfen an der monatelangen zivilen Gemeinschaftsaufgabe durch Weiterbildung vorbereiten oder das Zusammenleben von Infizierten und nicht Infizierten gestalten kann, sondern dass man die Aufgabe habe, zu Hause zu bleiben und keine Kritik am Krisenmanagement zu üben.

Ursprünglich auf Facebook am 23.03.2020 veröffentlicht.