Lehrermangel mit langer Chemnitzer Vorgeschichte

· Verwaltung & Stadtrat · 4 Min. Lesezeit · Artikel 220 von 492

#Chemnitz #TUChemnitz #Schule #Sachsen

Die Freie Presse berichtet in ihrer heutigen Ausgabe, dass im Raum Chemnitz nur 91 von 185 Stellen mit Lehrkräften besetzt werden konnten und noch 94 Stellen unbesetzt sind. Die Besetzungen erfolgten mit besonders vielen Seiteneinsteigern bzw. verlängerten Referendariaten. Besser sieht die Lage in Dresden und Leipzig aus, wo es mehr Bewerber als freie Stellen gibt. Von denen, die dort nicht genommen werden, wollen allerdings die wenigsten nach Chemnitz oder in den ländlichen Raum.

Die Ursache liegt darin, dass ein Großteil der Lehrkräfte das Rentenalter erreicht hat bzw. in Kürze erreicht und in den vergangenen Jahrzehnten nicht genügend Nachwuchs ausgebildet wurde. Besonders betroffen ist der Raum Chemnitz, da die CDU-Regierung des Freistaats Sachsen im Hochschulentwicklungsplan 1996 die Abschaffung der Lehrerausbildung in Chemnitz gefordert, was 1999 dann so erzwungen wurde.

Die CDU-SPD-Regierung hat mit dem "Hochschulentwicklungsplan 2025" von 2004 dann nochmal nachgelegt und die Reduzierung der Studierendenzahlen an sächsischen Universitäten beschlossen. Beschlossen wurde zwar auch die Erhöhung die Lehramtsausbildung von 1.800 auf 2.000 Plätze, wobei für Chemnitz allerdings nur 120 Plätze und nur für Grundschullehrkräfte vorgesehen wurden.

In verschiedenen Verlautbarungen "kämpfen" sowohl der CDU-Ministerpräsident als auch die SPD nun angeblich um mehr Lehrausbildung in Chemnitz, obwohl sie doch in der Regierung sitzen. Im neuen CDU-SPD-Grüne-Koalitionsvertrag 2019-2024 findet sich ein Wischiwaschi-Abschnitt, der mehr oder weniger aussagt, dass man die Stellen in Chemnitz vielleicht nach Bedarfsprüfung erhöhen will. Die Zahlen liegen doch seit Jahren auf dem Tisch! Das da jetzt geprüft werden soll, ist reine Verzögerungstaktik und mit Lippenbekenntnissen wird das nichts. Nach den Koalitionsverhandlungen hatte man doch auch ohne langwierige Evaluation sofort die 270 neuen Stellen parat, die im Regierungsapparat angeblich benötigt werden, damit die Referate arbeitsfähig sind.

Die Stadt Chemnitz baut gerade mehrere neue Schulen, wo in Kürze zusätzlich zig neue Lehrkräfte benötigt werden. Wie dieser Bedarf gedeckt werden soll, wenn Referendare und Seiteneinsteiger ausgehen, ist unklar. Klar ist jedenfalls Unterrichtsausfall oder der Einsatz von Spar-Personal.

Das erinnert doch alles an das jahrzehntelange Desaster mit der Bahnanbindung, wo der Bevölkerung von der Stadtverwaltung und der Lokal-Politik suggeriert wurde, man kümmere sich und "sei in Gesprächen". Jetzt dauert es nochmal 10 Jahre, weitere Verschiebungen noch nicht eingerechnet.

Als Workaround kann man sich ja mit dem Auto behelfen, wenn man sich eins leisten kann. Bei der Schuldbildung der Kinder wird das für die breite Bevölkerung schwieriger. Die Privatschule können sich vielleicht die politisch Verantwortlichen leisten.

Wo bitte bleibt denn der gemeinsame und öffentlichkeitswirksame Einsatz der Stadtverwaltung und der Lokal-Politik, die ja auch im Landtag und Bundestag vertreten ist? Wieso lässt man sich jahrzehntelang so benachteiligen und wieso thematisiert das niemand mit entsprechenden Nachdruck? Wieso tut man sich nicht partei- und gemeindeübergreifend zum Wohle der Stadt und der Region zusammen? Verfallen jetzt nach einem Jahr Nazi-Schockstarre alle ins Corona-Fieber?

Ursprünglich auf Facebook am 07.03.2020 veröffentlicht.