Kosmonaut wackelt, Chemnitz schaut nervös

Seit einigen Wochen wird spekuliert, warum es keinen Termin noch Kartenvorverkauf für das Kosmonaut Festival 2020 in Chemnitz gibt. Sogar sonst subkulturell weniger interessierte Stadträt*innen beginnen sich mittlerweile Sorgen zu machen. Der Pressesprecher der Stadt und der Chef der Wirtschaftsförderung wissen angeblich von nichts.
Nun sind bei der Veranstalterin seit sechs Jahren keine maßgeblichen Gewinne entstanden, was neben sehr freundschaftlichen Preisen unter anderem mit Kosten des Stausees Rabenstein zusammenhängt, da die Einnahmen aus dem wegfallenden Badebetrieb kompensiert werden müssen, die komplette Infrastruktur auf- und abgebaut und das Gelände nach dem Festival in Ordnung gebracht werden muss. Dazu kommt ein latentes Risiko durch schlechtes Wetter.
Bei Teilen der Stadtspitze herrschte nun Sorge, das Festival könne in Zeiten der Kulturhauptstadtbewerbung aufgeben oder an lukrativere Orte abwandern, wie einst das "splash!", was heute in Ferropolis verkehrstechnisch zentraler und in robusterer Landschaft stattfindet und höhere Besucherzahlen bewältigen kann. Auch damals spielte das Wetter und die Kosten und Limitierungen des Stausees eine Rolle. Dazu kamen Fehlkalkulationen, Anwohnerbeschwerden und ein mangelndes Verständnis der Verwaltung für Festivals als Wirtschafts- und Imagefaktor. Zumindest die letzteren Punkte sind heute etwas anders. Nun gab es bereits im Jahr 2006 und Vorjahren beim splash! Diskussionen, wie das Minus von letztendlich 500.000 Euro durch den städtischen Kulturbetrieb ausgeglichen werden und allgemein eine bessere Unterstützung erfolgen könne. Damals wurde man sich nicht einig und die Stadt Chemnitz trug einen schweren Imageschaden davon.
Nun könnte die Veranstalterin des Kosmonaut wie alle anderen freien Kulturschaffenden und Festivalveranstalter (u.a. Schlingel, Mozart, Begehungen, Fête de la musique, Fuego etc.) nach 5 Jahren Ehrenamt und finanzieller Verluste institutionelle Kulturförderung beantragen und der Kulturausschuss könnte entscheiden, was das Festival der Stadtgesellschaft wert ist. Allerdings ist die städtische Kulturförderung unberechenbar. Erstens muss der Antrag mit einer vollständigen Kalkulation spätestens bereits bis Mitte des Vorjahrs gestellt werden. Vier bis fünf Monate später werden die knappen Mittel auf alle Antragsteller verteilt, wobei Newcomer meist rigoros gekürzt werden müssen, da bestehende Träger, die an jahrelang gleichbleibende Förderungen bekommen haben, sich empfindlich einschränken müssten oder ihren öffentlichen Aufgaben bei der Verwaltung städtischer Sammlungen oder der Wartung städtischer Immobilien nicht mehr nachkommen könnten. Neun Monate später weiß man dann verbindlich, was jeder bekommt. Zudem setzt der Antrag eine transparente Kalkulation voraus. Gewinne sind nicht vorgesehen und es wird ein hoher Anteil an Ehrenamt erwartet. Für Festivals wie auch andere Kulturschaffende mit mehr als drei Monaten Planungsvorlauf ist die städtische Kulturförderung eine Katastrophe, wo seit Jahren Änderungen im Prozess gefordert werden.
Statt nun endlich die geforderten Änderungen bei der Kulturförderung herbeizuführen (u.a. mehrjährige und verlässliche Förderung, kürzere Antragsfristen, schnellere Bearbeitung) und die finanziellen Mindestforderungen der freien Kulturträger umzusetzen, entschied man sich für einen anderen Weg: Die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft wurde unter der neuen Leitung mittlerweile zu einer Veranstaltungs- und Werbeagentur umgebaut, deren neues Personal zur Förderung anderer Wirtschaftszweige gar nicht mehr in der Lage ist. Erklärtes Ziel ist die Verlagerung des Festivals in die Innenstadt und eine Förderung aus öffentlichen Mitteln unter Berücksichtigung von genügend Gewinn für die Veranstalterin nebst verbundener Gesellschaften in Berlin sowie ausgewählter Dienstleister in Chemnitz.
Die Ausschreitungen im letzten Jahr erlaubten die entsprechenden Weichenstellungen ohne langwierige demokratische Entscheidungsprozesse. Dazu bot sich das inhaltlich wenig ambitionierte, aber gut besuchte Stadtfest an. Nach dem von den Besucherzahlen sehr erfolgreichen Probelauf mit dem wirsindmehr-Festival wurde im März 2019 zur Inspiration eine geheime Dienstreise von Mitarbeitern der Wirtschaftsförderung und nahestehender Unternehmer zum SXSW (8.-17. März 2019) Austin, Texas durchgeführt. Das führende Tech-Festival in den USA rund um Gesellschaft, Musik und Kultur zieht 75.000 Besucher an. Drei Tage später wurde mit fadenscheinigen Begründungen das Stadtfest abgesagt und das "Kosmos" ins Leben gerufen, dessen Markenrechte genau wie "wirsind/bleibenmehr" nun einer Veranstaltungsagentur in Berlin gehören.
Damit wurde das Ziel einer neuen gewinnorientierten öffentlichen Kulturförderung ohne lästige Ausschreibungen und Wettbewerb erreicht und ohne dass man etwas an den verkrusteten Strukturen der bestehenden Kulturförderung ändern oder Stadträtinnen informieren und beteiligen muss, da ja die Aufsichts-Stadträtinnen aus den Reihen der Fraktionen dieses Vorgehen mitzutragen scheinen oder sich zumindest an der Nase herumführen lassen. Den meisten Konsumenten ist es egal, wo Kultur herkommt, Hauptsache man hat paar Tage kostenlosen Spaß. Die Verwaltung kann einen Brot und Spiele nachweisen und sonst alles beim Alten lassen.
Ob das ein fruchtbarer Boden für eine nachhaltige gesellschaftlichen Entwicklung ist oder mangels Berücksichtigung der Subsidiarität und des Wettbewerbsrechts noch zu massiven Verwerfungen und zu weiterer Spaltung führt, wird sich zeigen. Ob es in absehbarer Zeit eine funktionsfähige Wirtschaftsförderung geben wird, steht ebenfalls in den Sternen.
Ursprünglich auf Facebook am 20.12.2019 veröffentlicht.